Auf der Hochzeit ihres Enkels wurde Gertrud in die hinterste Ecke des Saales gesetzt.
Natürlich meinte es niemand böse. Dort sei es ruhiger, sagte ihre Schwiegertochter. Nicht so nah an den Lautsprechern. Nicht so gefährlich, falls die Kinder auf der Tanzfläche herumrannten. Man stellte ihr ein Glas Wasser hin, einen Teller mit weichem Brot und fragte, ob sie ihre Tabletten dabeihabe.
Gertrud nickte.
Sie war zweiundachtzig, trug ein helles Kostüm und schwarze Schuhe, die nicht schön, aber gnädig zu ihren Füßen waren. Sie hatte sich für diesen Tag geschminkt. Nur ein wenig. Ihr Enkel Martin heiratete. Da wollte sie nicht aussehen wie jemand, den man nur mitgebracht hatte, weil es sich gehört.
Der Saal in der Nähe von Hannover war laut. Gelächter, Musik, Besteck, Parfüm, gebratener Fisch und Rosen auf jedem Tisch. Martin saß mit seiner Braut Jana vorne unter einem Blumenbogen und sah so glücklich aus, dass Gertrud lächeln musste.
Dann erklang ein Walzer.
Gertrud legte die Hand auf ihren Schoß.
Ein Walzer war nie nur ein Walzer gewesen.
Sie dachte an 1962. An Karl. An den jungen Mann mit den schmalen Schultern, der ihr das Tanzen auf dem Hof hinter dem Gemeindehaus beibringen wollte. Sie hatten im August heiraten wollen. Das Kleid war fast fertig. Ihre Mutter hatte die Knöpfe selbst angenäht.
Am Tag vor der Hochzeit fuhr Karl mit dem Motorrad in die Stadt.
Er kam nicht zurück.
Ein Lastwagen. Eine Kreuzung. Ein Polizist, der in der Küche stand und seine Mütze in den Händen drehte.
Gertrud zog das Brautkleid nie an. Jahre später heiratete sie einen guten Mann. Sie bekam Kinder. Sie führte ein ordentliches Leben. Aber jedes Mal, wenn irgendwo Walzer gespielt wurde, blieb sie sitzen.
Auch heute.
Nur ihr Fuß bewegte sich heimlich unter dem Tisch.
Plötzlich verstummte die Musik.
Der Moderator nahm das Mikrofon.
— Der Bräutigam möchte nun eine Dame zum Tanz bitten, die heute viel zu weit weg sitzt.
Gelächter. Dann Stille.
Martin kam auf sie zu.
Nicht zu seiner Mutter. Nicht zur Schwiegermutter. Zu Gertrud. Er blieb vor ihr stehen und streckte die Hand aus.
— Oma, tanzt du mit mir?
Sie erschrak.
— Martin, ich kann das nicht mehr.
— Doch. Langsam.
— Ich tanze nicht.
— Ich weiß, warum.
Gertrud sah ihn an.
Martin sprach leise.
— Papa hat mir von Karl erzählt. Und von dem Walzer, den du nie hattest.
Gertrud spürte, wie ihr Gesicht zitterte.
— Warum heute?
— Weil niemand an meinem Hochzeitstag in einer Ecke verschwinden soll. Am wenigsten du.
Jana kam hinzu.
— Ich habe ihn geschickt, Frau Gertrud. Ich möchte sehen, woher dieser Mann gelernt hat, treu zu lieben.
Da konnte Gertrud nicht mehr nein sagen.
Sie stand auf. Martin hielt sie vorsichtig. Als der Walzer wieder begann, setzte sie den ersten Schritt wie über eine Schwelle.
Es war nicht elegant. Nicht schnell. Nicht perfekt.
Aber es war wahr.
Mit jedem Schritt kam etwas zurück, das sie längst verloren geglaubt hatte. Nicht Karl selbst. Nicht die Jugend. Aber die Erlaubnis, sich zu erinnern, ohne daran zu zerbrechen.
Am Ende klatschte der ganze Saal.
Martin küsste ihre Stirn.
— Danke, Oma.
— Du hast mir etwas zurückgegeben, mein Junge.
— Nein. Du hast es die ganze Zeit bewahrt.
Später saß Gertrud nicht mehr in der Ecke. Jana brachte ihr persönlich ein Stück Torte, und Martin bestand darauf, dass der Fotograf ein Bild von ihnen dreien machte.
Zu Hause holte Gertrud aus einer alten Schachtel ein vergilbtes Foto hervor. Karl lächelte darauf schief in die Sonne.
— Wir haben getanzt — sagte sie leise.
Und zum ersten Mal tat der Satz nicht weh.
