Der Urlaub, den ich mir nicht mehr wegnehmen ließ

„Du fliegst wirklich ohne mich?“

Thomas stand im Wohnzimmer, noch in seiner Arbeitsjacke, und sah auf den geöffneten Koffer auf meinem Bett. In seiner Stimme lag nicht nur Überraschung, sondern echte Empörung.

„Ja“, sagte ich. „Am Sonntagmorgen.“

„Und Mallorca? Unsere Reise?“

„Die gemeinsame Buchung habe ich storniert. Ich fahre stattdessen allein nach Madeira.“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Katrin, das kann doch nicht dein Ernst sein.“

Doch zum ersten Mal seit Monaten war es mir vollkommen ernst.

Ich war neunundvierzig, Thomas einundfünfzig. Kennengelernt hatten wir uns auf dem runden Geburtstag eines Kollegen in Leipzig. Er war humorvoll, bodenständig und der Typ Mann, der nicht lange redete, sondern einfach einen lockeren Türgriff festschraubte.

Nach meiner Scheidung hatte ich fast acht Jahre allein gelebt. Meine Tochter studierte in Dresden, ich arbeitete in einer Steuerkanzlei und hatte mir ein ruhiges Leben aufgebaut. Thomas brachte plötzlich wieder Wärme hinein. Er kochte sonntagmorgens Kaffee, reparierte meine alte Stehlampe und legte beim Vorbeigehen manchmal die Hand auf meine Schulter.

Nach zwei Monaten zog er zu mir.

Die ersten Wochen fühlten sich leicht an. Wir gingen am Cospudener See spazieren, kochten Pasta und planten kleine Ausflüge. Thomas sagte, in unserem Alter solle man keine Zeit mehr verschwenden.

Später begriff ich, dass er damit offenbar nur seine eigene Zeit gemeint hatte.

Seine Mutter Ingrid war vierundsiebzig und lebte in einem kleinen Haus außerhalb der Stadt. Hinter dem Haus lagen ein Gemüsegarten, ein Gewächshaus und ein Stück Land, das Thomas behandelte, als hinge die Ernährung des ganzen Landes davon ab.

Der erste Anruf kam an einem Samstagmorgen.

„Die Beete müssen umgegraben werden“, erklärte Thomas, während er schon seine Schuhe anzog.

Wir hatten Karten für ein Konzert.

„Dann gehen wir eben ein anderes Mal.“

Das andere Mal kam nie.

Eine Woche später musste im Gewächshaus eine Stange befestigt werden. An diesem Abend sollte Thomas meine Tochter und ihren Freund kennenlernen.

„Meine Mutter kann das nicht allein.“

„Sie könnte bis morgen warten.“

„Du verstehst das nicht. Sie ruft nicht ohne Grund an.“

Später kamen die Gründe fast täglich. Die Tomaten brauchten neue Schnüre. Der Zaun sollte gestrichen werden. Die Regentonne tropfte. Ein Ast hing angeblich gefährlich über dem Schuppen. Einmal fuhr Thomas los, weil Ingrid behauptete, bei Gewitter nicht allein sein zu können.

Dabei wohnte ihre Schwester zwei Straßen weiter.

Ich begann mitzuzählen. Elf gemeinsame Verabredungen sagte Thomas in vier Monaten ab. Zwei Kinobesuche, ein Wochenende im Harz, den Geburtstag meiner Freundin und ein Abendessen mit meiner Schwester, die extra aus Hamburg gekommen war.

Bei diesem Abendessen hatte ich Rinderrouladen vorbereitet und den Tisch schön gedeckt. Kaum saßen wir, klingelte sein Telefon.

Thomas sah aufs Display.

„Meine Mutter.“

„Lass es einmal klingeln.“

Er nahm trotzdem ab.

Zehn Minuten später zog er seine Jacke an.

„Im Schuppen steht Wasser.“

„Es hat heute nicht geregnet.“

„Offenbar ist eine Leitung undicht.“

„Kann sich das morgen jemand ansehen?“

„Ich bin doch gleich wieder da.“

Er kam am nächsten Nachmittag zurück.

Als ich ihn darauf ansprach, hob er abwehrend die Hände.

„Soll ich meine Mutter im Stich lassen, nur weil du Besuch hast?“

„Ich möchte, dass du einmal nicht mich im Stich lässt.“

Für den Sommer hatte ich eine Pauschalreise nach Mallorca gebucht. Sieben Nächte, ein kleines Hotel in der Nähe von Sóller, Frühstück auf der Terrasse. Thomas freute sich zunächst. Er kaufte einen neuen Reiseführer und sagte, während der Reise werde sein Handy ausgeschaltet.

Vier Tage vor dem Abflug rief Ingrid beim Abendessen an.

Die Kartoffeln müssten früher aus der Erde. Für die kommende Woche sei starker Regen angekündigt.

Thomas legte auf.

„Wir sollten die Reise verschieben.“

Ich starrte ihn an.

„Nein.“

„Katrin, die Ernte kann kaputtgehen.“

„Dann soll deine Mutter jemanden aus der Nachbarschaft fragen.“

„Sie will niemand Fremden.“

„Du bist einundfünfzig Jahre alt und behandelst jedes ihrer Anliegen wie einen Notruf.“

„Es ist meine Mutter.“

„Und ich bin deine Partnerin.“

„Ein Urlaub lässt sich nachholen.“

Da wusste ich, dass wir gar nicht über Kartoffeln sprachen. Wir sprachen darüber, welchen Platz ich in seinem Leben hatte. Einen Platz, den man jederzeit räumen konnte.

Am nächsten Tag ging ich ins Reisebüro. Bei der Stornierung verloren wir einen Teil der Anzahlung. Mit dem Rest buchte ich ein Einzelzimmer auf Madeira.

Als Thomas am Abend nach Hause kam, stand mein Koffer bereit.

„Du willst mich bestrafen.“

„Nein. Ich fahre in den Urlaub.“

„Allein.“

„Du hast dich für den Garten entschieden.“

„Das ist unfair.“

„Unfair war, vier Monate lang so zu tun, als würden unsere Pläne zählen.“

Er wurde laut.

„Du verlangst, dass ich mich zwischen dir und meiner Mutter entscheide.“

„Nein. Ich verlange, dass du nicht bei jedem Anruf alles stehen und liegen lässt.“

„Sie ist alt.“

„Sie ist nicht hilflos. Und selbst wenn sie Hilfe braucht, muss es nicht immer sofort und ausschließlich deine sein.“

Am Abend rief Ingrid mich an.

„Thomas sagt, du fliegst ohne ihn.“

„Das stimmt.“

„Wegen ein paar Kartoffeln?“

„Wegen elf abgesagter Verabredungen.“

„Mein Sohn hatte schon immer ein großes Verantwortungsgefühl.“

„Verantwortung bedeutet auch, Zusagen einzuhalten.“

„Eine Mutter bleibt eine Mutter.“

„Und eine Partnerin bleibt nicht automatisch, wenn man sie ständig warten lässt.“

Ingrid legte wortlos auf.

Auf Madeira wachte ich am ersten Morgen früh auf. Vom Balkon aus sah ich das Meer, hörte Möwen und das Klappern von Geschirr aus dem Frühstücksraum. Niemand drängte mich, meine Pläne zu ändern.

Am dritten Tag schrieb Thomas: „Wir waren nach zweieinhalb Stunden fertig. Mein Cousin hätte auch helfen können.“

Ich antwortete: „Dann ging es nie um die Arbeit.“

Später rief er an.

„Ich glaube, ich habe es ihr zu einfach gemacht.“

„Und mir zu schwer.“

„Ich möchte das ändern.“

„Dann ändere es.“

„Kommst du danach zurück zu mir?“

„Ich komme zurück in meine Wohnung. Was danach passiert, entscheide ich nicht aus einem Hotelzimmer.“

Als ich heimkehrte, saß Thomas am Küchentisch. Zwei Reisetaschen standen neben der Tür.

„Ich habe ein Zimmer gefunden“, sagte er. „Nur vorübergehend.“

„Gut.“

Er sah mich an.

„Willst du gar nicht, dass ich bleibe?“

„Ich wollte sehr lange, dass du bleibst. Du bist nur ständig gegangen.“

Er senkte den Blick.

„Es tut mir leid.“

„Das glaube ich dir. Aber eine Entschuldigung gibt mir die verlorenen Monate nicht zurück.“

Wir trennten uns ohne Geschrei. Wochen später schrieb Thomas, dass er seiner Mutter erstmals gesagt habe, er könne erst am nächsten Tag kommen. Ingrid habe zwei Stunden geschmollt und dann den Nachbarn gefragt.

Ich musste lächeln. Nicht, weil ich zurückwollte, sondern weil er endlich begriff, dass Grenzen keinen Menschen zerstören.

Im Herbst besuchte ich meine Tochter in Dresden. Wir saßen in einem kleinen Restaurant, bestellten Dessert und blieben bis zum Schluss.

Niemand sprang nach der Vorspeise auf.

Niemand erklärte mir, unser gemeinsamer Abend könne jederzeit nachgeholt werden.

Da verstand ich: Manchmal reist man allein fort, um endlich nicht mehr allein in einer Beziehung zu sein.

 

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