Die Briefe im alten Teekasten

„Mama, wann kommst du zurück?“

Diese Frage stellte die kleine Lina fast jeden Abend. Sie stand am Küchenfenster des alten Hauses ihrer Großmutter und sah auf die Dorfstraße hinaus. Im Winter fror ihr Atem an der Scheibe, im Sommer klebten Fliegen am Glas, im Herbst rollten gelbe Blätter über den Hof. Menschen kamen vorbei: der Postbote, die Nachbarin mit dem Fahrrad, der alte Herr vom Ende der Straße.

Nur ihre Mutter kam selten.

Großmutter Erna antwortete immer knapp:

— Wenn sie ihr Leben geregelt hat.

Lina wusste nicht, was das heißen sollte. „Das Leben regeln“ klang nach einer schwierigen Arbeit, nach Kisten, die man sortieren musste, nach einem Haus, das irgendwo in der Stadt gebaut wurde. Sie stellte sich vor, ihre Mutter würde dort Zimmer einrichten: eines für sich, eines für Lina, vielleicht eines mit gelben Vorhängen.

Als Lina drei war, war ihre Mutter nach der Scheidung mit ihr ins Dorf zurückgekehrt. Der Vater verschwand aus den Gesprächen wie ein Fehler, den Erwachsene aus einem Heft ausradieren. Mutter kam mit einem Koffer, einem müden Gesicht und einer Tochter, die nicht verstand, warum die Welt plötzlich anders roch.

Erna stand am Gartentor.

— Da bist du also wieder — sagte sie zu ihrer Tochter. — Studium, Ehe, Kind, Scheidung. Alles im Eiltempo.

Ihre Tochter Anne antwortete nicht. Sie hielt Lina nur fester.

Erna war keine zärtliche Frau. Sie sagte nicht „mein Schatz“, sie küsste nicht vor dem Schlafengehen, und Umarmungen kamen bei ihr höchstens vor, wenn jemand fast fiel. Aber sie kochte Grießbrei mit Zimt, nähte Puppenkleider aus alten Blusen und erzählte Märchen so, dass Lina die Wölfe im Ofenrohr hören konnte.

Lina wuchs bei ihr auf.

Anne fuhr oft in die Stadt. Manchmal kam sie zurück, brachte eine Tafel Schokolade, neue Strumpfhosen, ein Bilderbuch. Sie war schön, aber immer müde. Wenn Lina sie umarmte, hielt Anne sie erst fest, dann ließ sie sie zu schnell los.

— Bleibst du diesmal? — fragte Lina.

— Bald — sagte Anne. — Ich muss noch etwas schaffen.

— Was?

— Ein Leben, das für uns reicht.

Lina verstand den Satz nicht. Sie hörte nur: nicht jetzt.

Mit den Jahren wurde aus Hoffnung eine Gewohnheit. Lina lernte, nicht zu laut zu fragen. Sie lernte, die Schritte ihrer Mutter auf der Treppe zu erkennen. Sie lernte, Geschenke vorsichtig zu lieben, weil sie oft Abschiede ankündigten.

Dann kam Anne zurück. Für immer, dachte Lina.

Sie war acht Jahre alt und lief ihr in den Hof entgegen. Doch Anne hob sie nicht hoch. Sie lächelte, aber ihr Gesicht blieb blass und abwesend. Sie saß oft am Fenster, aß kaum, sprach wenig. Ihre Hände zitterten, wenn sie Tee trank.

— Oma, ist Mama böse auf mich?

Erna hielt mitten im Kartoffelschälen inne.

— Nein.

— Warum sieht sie mich dann nicht richtig an?

Die alte Frau schwieg lange.

— Manchmal ist ein Mensch so müde vom Kämpfen, dass er sogar die Liebe nur von weitem anschauen kann.

Lina verstand wieder nicht.

Dann wurde Anne krank. Erst sagte man: Erschöpfung. Nerven. Zu wenig gegessen. Aber sie wurde dünner, die Haut heller, die Schritte langsamer. Die Nachbarin drängte:

— Erna, sie muss in die Stadt. Zu Ärzten.

Anne flüsterte:

— Nicht dorthin.

— Anne, du brauchst Hilfe.

— Dort habe ich schon alles verloren.

Lina stand im Flur und hörte das Wort „alles“, ohne zu wissen, ob sie selbst darin enthalten war.

Als der Krankenwagen kam, regnete es. Anne lag auf der Trage. Sie suchte Linas Hand.

— Mein Kind…

— Kommst du wieder?

Anne schloss die Augen. Eine Träne lief zur Schläfe.

Sie kam nicht wieder.

Nach der Beerdigung wurde das Haus still. Nicht friedlich still, sondern leer. Erna weinte heimlich, aber Lina hörte es. Das Mädchen schlief mit dem Morgenmantel der Mutter im Arm. Er roch noch nach Seife und Stadt. Sie presste das Gesicht hinein und wartete darauf, dass der Geruch antwortete.

Jahre vergingen. Lina wurde Lehrerin. Vielleicht, weil sie nie vergessen hatte, wie sich ein Kind fühlt, dem man Antworten verweigert. Sie konnte die stillen Fragen ihrer Schüler hören, bevor sie ausgesprochen wurden.

Die Wahrheit fand sie erst, als Erna sehr alt war.

Nach einem Sturz musste die Großmutter ins Krankenhaus. Lina kam ins Dorf, um Unterlagen zu suchen. In der alten Kommode lag unter Tischdecken eine Blechdose mit Teeblumen darauf. Darin waren Briefe.

An Lina.

Alle von Anne.

„Meine kleine Lina…“

Der erste Brief ließ sie auf den Boden sinken.

Anne schrieb aus der Stadt. Nicht von einem neuen Leben mit einem neuen Mann. Nicht von Freiheit. Sie schrieb von Nachtschichten in einer Wäscherei, von einem Zimmer unter dem Dach, von Gerichtsbriefen, weil Linas Vater keinen Unterhalt zahlte. Sie schrieb, dass sie Lina nicht holen könne, weil sie selbst auf einer Matratze neben fremden Koffern schlief. Sie schrieb von Scham.

Später kamen die Krankheiten in die Sätze.

„Heute war ich beim Arzt. Ich habe Angst.“

„Mama, wenn ich es nicht schaffe, sag Lina nicht, dass ich sie verlassen habe. Sag ihr, dass ich versucht habe, zu ihr zurückzukommen, aber den Weg nicht schnell genug fand.“

Ein letzter Brief war unvollendet.

„Mein Kind, ich dachte, ich müsste erst stark werden, bevor ich deine Mutter sein darf. Jetzt weiß ich: Ich hätte dich auch mit meiner Schwäche lieben dürfen.“

Lina weinte, bis es dunkel wurde.

Im Krankenhaus setzte sie sich an Ernas Bett.

— Warum hast du mir das verschwiegen?

Die alte Frau sah zur Seite.

— Ich dachte, es schützt dich.

— Vor der Liebe meiner Mutter?

Erna atmete schwer.

— Vor ihrem Elend. Vor ihrer Scham. Vor der Wahrheit, dass sie dich liebte und trotzdem nicht da sein konnte. Ich wusste nicht, wie man so etwas einem Kind sagt.

— Also hast du gar nichts gesagt.

— Ja.

Das Wort war klein. Aber es kostete sie alles.

Lina nahm ihre Hand.

— Du warst hart zu mir.

— Zu hart.

— Aber du warst da.

Erna weinte.

— Das konnte ich. Mehr konnte ich nicht gut.

Nach Ernas Tod verkaufte Lina das Haus nicht. Sie richtete in der vorderen Stube einen kleinen Leseraum für Kinder aus dem Dorf ein. Auf einem Regal stand Annes Foto. Daneben die Teedose mit den Briefen.

Wenn ein Kind dort saß und fragte:

— Warum kommt meine Mama so selten?

sagte Lina nie: „Sie regelt ihr Leben.“

Sie sagte:

— Ich weiß es nicht. Aber du darfst fragen. Und du darfst traurig sein. Das macht dich nicht undankbar.

Denn Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen.

Sie brauchen Erwachsene, die den Mut haben, ihnen die Wahrheit nicht wie eine Tür vor der Nase zuzuschlagen, sondern wie eine Decke um die Schultern zu legen.

 

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