Helga Riedel meldete sich bei der App „Hilfe für eine Stunde“ an, nachdem ihr Sohn gesagt hatte:
— Mutter, dir ist langweilig.
Helga stellte ihre Teetasse ab.
— Mir ist nicht langweilig. Ich fühle mich beleidigt.
— Wovon denn?
— Davon, dass du einmal pro Woche anrufst und fragst, ob mir langweilig ist. Als wäre ich ein Goldfisch ohne Aquariumfilter.
Ihr Sohn lachte, schickte ihr aber trotzdem einen Link.
„Da kann man kleine Aufträge annehmen. Pakete, Blumen, Hunde. Du bist doch noch aktiv.“
Aktiv. Helga mochte dieses Wort nicht. Es stand auf Broschüren für ältere Menschen, die lachend mit Nordic-Walking-Stöcken in die Kamera sahen. Als müsste man dem Alter beweisen, dass man noch keine Parkbank war.
Trotzdem öffnete sie den Link.
Ihr Profil schrieb sie sorgfältig: „Pünktlich. Zuverlässig. Ordentlich. Diskret.“ Sie wollte ergänzen: „Erwachsene Kinder erziehe ich nicht“, aber das Feld war zu kurz. Also schrieb sie: „Konkrete Hilfe. Klare Absprachen.“
Der erste Auftrag führte sie in eine helle Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel. Blumen gießen. Die Besitzerin war auf Dienstreise. Es gab zweiunddreißig Pflanzen und zu jeder eine Notiz.
„Monstera: 200 ml. Ficus: sparsam. Orchideen: tauchen. Sukkulenten nicht anfassen, sie sind sensibel nach dem Umzug.“
Helga las den letzten Satz zweimal.
— Früher waren Kinder sensibel nach dem Umzug — sagte sie zum Ficus. — Heute seid ihr es.
Sie rief die Besitzerin an.
— Entschuldigung, woran erkenne ich, ob ein Sukkulent emotional stabil genug für Wasser ist?
Am anderen Ende war erst Stille, dann Lachen.
Fünf Sterne. „Frau Riedel nimmt sogar die seelische Lage der Pflanzen ernst.“
Helga las die Bewertung mehrmals. Nicht aus Eitelkeit. Es war angenehm, nicht als „Mutter, die sowieso Zeit hat“ betrachtet zu werden, sondern als Mensch, der etwas erledigt hatte.
Der zweite Auftrag war ein Hund namens Herzog. Klein, weiß, beleidigt. Herzog ging nicht spazieren. Herzog protestierte still. Er blieb vor der Haustür sitzen.
— Junger Mann — sagte Helga — ich werde nach Stunden bezahlt, aber ich habe auch ein Gewissen.
Zwanzig Minuten später trug sie ihn in den Park. Dort bellte er eine Taube an, erschrak über seine eigene Stimme und versteckte sich hinter ihrem Stiefel. Die Besitzerin schrieb: „Herzog kam nachdenklich zurück. Sehr gut.“
Der dritte Auftrag kam von einem Programmierer, der seine Fernbedienung suchte. Die Wohnung war voller Kabel, Tassen und ungelebter Ordnung. Helga fand die Fernbedienung im Gefrierfach zwischen Spinat und Fischstäbchen.
— Wie kommt sie dahin? — fragte er.
— Das ist keine Suche mehr. Das ist Ermittlung. Ermittlung kostet extra.
Er gab Trinkgeld.
Mit der Zeit fand Helga Gefallen daran. Pakete, Fische, Papageien, Behördengänge, Kontrolle eines Bügeleisens, das angeblich „nach drei Tagen wieder angehen könnte“. Alles hatte Anfang und Ende. Niemand sagte: „Wenn Sie schon da sind, könnten Sie auch meine Mutter überzeugen?“ Niemand legte ihr ungefragt die seelische Wäsche der Familie in den Korb.
Bis ein Auftrag kam:
„Zwei Stunden mit meiner Mutter verbringen. Sie ist einsam, aber schwierig. Sie als reife Frau finden sicher Zugang.“
Helga nahm an. Aus Neugier.
Frau Marianne war siebzig, mit kurzem grauem Haar und einem Blick wie frisch geschliffenes Besteck.
— Hat mein Sohn mir eine Freundin gemietet?
— Eine Hilfe für eine Stunde.
— Wobei helfen Sie?
— Das finden wir noch heraus.
Sie setzten sich in die Küche. Marianne begann sofort: Sohn ruft selten an, Schwiegertochter ist kühl, Enkel grüßt wie ein Bankangestellter. Helga hörte zu. Erst beruflich. Dann merkte sie, wie die alte Falle zuschnappte. Gleich würde sie trösten, übersetzen, erklären, vermitteln. Wieder eine ältere Frau, die man als Brücke benutzt, damit andere nicht selbst gehen müssen.
— Sagen Sie es ihm — bat Marianne. — Sie bezahlt er. Vielleicht hört er auf Sie. Sagen Sie ihm, dass man eine Mutter nicht für zwei Stunden bucht und dann ein sauberes Gewissen hat.
Helga verstand den Satz. Er war wahr.
Aber er war nicht ihre Aufgabe.
— Frau Marianne, ich kann mit Ihnen Tee trinken. Ich kann zur Apotheke gehen. Ich kann das Handy einstellen. Aber ich werde nicht Ihre Stimme bei Ihrem Sohn sein.
— Bequem.
— Nein. Schwer. Ich lerne es gerade.
— Wozu sind Sie dann gut?
Helga sah auf die Uhr.
— Heute? Um Tee zu trinken und nicht zu lügen, dass ich Ihr Leben repariere.
Marianne sah sie lange an. Dann lachte sie trocken.
— Wenigstens keine Therapeutin.
— Um Himmels willen. Ich finde Fernbedienungen.
— Mein Sohn hat die Fernbedienung für sein Gewissen verloren.
— Ermittlung. Wie gesagt, extra.
Nach dem Auftrag bekam Helga drei Sterne: „Emotionale Komponente nicht erfüllt.“
Sie war erst gekränkt. Dann wütend. Dann änderte sie ihr Profil:
„Blumen, Pakete, Hunde, Fernbedienungen. Keine Fernbedienungen, die Metaphern für Familienprobleme sind. Ich erziehe keine Erwachsenen. Ich versöhne keine Verwandten.“
Ihr Sohn rief an.
— Mutter, was hast du da geschrieben? Das klingt wie ein Zettel am schwarzen Brett.
— Aber ehrlich.
— Du bekommst weniger Aufträge.
— Dafür die richtigen.
So war es.
Eines Tages kam ein Auftrag von ihrem eigenen Sohn.
„Schrank ausräumen. Bevorzugte Helferin: Helga.“
Sie rief sofort an.
— Spinnst du?
— Nein. Wenn ich dich als Sohn bitte, sagst du: mach selbst. Als Kunde habe ich vielleicht bessere Chancen.
— Doppelter Tarif.
— Für einen Schrank?
— Für Sohn-Erziehung.
Sie fuhr am Samstag hin. Der Schrank war eine Familienausgrabung: alte Zeugnisse, Kabel ohne Herkunft, ein kaputter Regenschirm, Fotos. Auf einem saß ihr Sohn als kleiner Junge mit Papierkrone auf ihrem Schoß.
— Das erinnere ich — sagte er.
— Unsinn. Du warst vier.
— Dann erinnere ich mich an deine Geschichte.
Er legte das Foto auf den Tisch, nicht in den Müll.
Nach dem Schrank bot er Tee an.
— Gehört das zum Auftrag? — fragte Helga.
— Nein. Einfach so.
Dieses „einfach so“ war mehr wert als jede Bewertung.
Als die App piepte, lehnte sie den neuen Auftrag ab.
— Wichtig? — fragte er.
— Sehr.
— Und?
— Paket wartet. Tee mit Sohn hat heute Vorrang.
Später schrieb er: „Helferin diskutiert, macht Witze, erhöht Preise, aber Schrank ist leer. Für Verwandte mit Vorsicht zu empfehlen.“
Helga gab ihm fünf Sterne.
Pünktlichkeit: vier.
