Die Lehrerin und der Schäfer

 

Als Clara Berger nach Lindenrode zog, wusste das Dorf innerhalb einer Stunde Bescheid.

Eine Frau aus Hamburg. Mitte dreißig. Geschieden. Lehrerin. Zwei Koffer, ein Laptop und Bücherkisten, als wolle sie eine Bibliothek auf einem Hof eröffnen, dessen Dach beim ersten Regen tropfte.

Das alte Haus stand am Waldrand. Der Zaun hing schief, im Garten wuchsen Brennnesseln, und der Kachelofen rauchte beim ersten Anzünden so stark, dass Clara hustend auf der Schwelle stand.

— Die hält keinen Winter durch, sagten die Leute.

Clara hörte es beim Bäcker und tat so, als interessiere sie sich nur für Brötchen.

Sie war nicht gekommen, um etwas zu beweisen. Sie war gekommen, weil ihr Leben in der Stadt ordentlich, gebildet und vollständig leer gewesen war. Nach der Scheidung hatte sie zum ersten Mal verstanden, dass man in einer schönen Wohnung sehr einsam sein kann.

Dann begegnete sie Heinrich.

Er war Schäfer. Jeden Morgen zog er mit seiner Herde an ihrem Haus vorbei. Groß, schwer, mit wetterdunklem Gesicht, in alten Stiefeln und einem Mantel, der schon viele Winter gesehen hatte. Er war sechsundfünfzig. Seine Augen waren hell und ruhig.

Er sprach kaum. Ein Nicken. Manchmal ein Satz über das Wetter.

Das erste richtige Gespräch hatten sie am Bach.

— Sie stehen falsch, sagte er.

Clara sah an sich hinunter.

— Wie kann man am Bach falsch stehen?

— Wenn der Wind dreht, sind Sie nass.

Zehn Sekunden später spritzte Wasser gegen ihre Hose.

Heinrich lächelte.

Sie lud ihn irgendwann zum Tee ein. Er saß in ihrer Küche, als traue er dem Stuhl nicht, und betrachtete die Bücher.

— Lesen Sie gern? fragte Clara.

Er antwortete erst nach einer Weile.

— Ich kann es nicht.

— Gar nicht?

— Meinen Namen. Ein paar Schilder. Mehr nicht. Zu Hause gab es Schafe, kein Schulheft.

Clara fühlte sich seltsam beschämt. Nicht wegen ihm. Wegen der Welt, die so etwas zulässt und dann Menschen danach bewertet.

— Ich kann es Ihnen beibringen.

— Wozu?

— Weil es nie zu spät sein sollte, den eigenen Namen sicher zu schreiben.

Heinrich kam wieder. Mit einem Heft, das er auf dem Dorfladen gekauft hatte. Er lernte langsam, hartnäckig, wütend auf sich selbst. Clara wurde nicht ungeduldig. Nie.

Mit der Zeit wurde aus Unterricht Nähe. Aus Nähe wurde Warten. Clara merkte, dass sie morgens auf seine Schritte hörte. Heinrich merkte, dass er abends langsamer an ihrem Haus vorbeiging.

Das Dorf redete.

— Die Lehrerin und der Analphabet.
— Er könnte ihr Vater sein.
— Sie wird schon merken, was sie tut.

Heinrich blieb eines Abends weg. Clara fand ihn bei den Schafen.

— Du kommst nicht mehr.

— Es ist besser.

— Für wen?

— Für dich. Die Leute lachen.

— Die Leute haben auch gelacht, als ich den Ofen falsch angezündet habe.

— Das ist nicht dasselbe.

— Doch. Sie lachen, bis sie sehen, dass man bleibt.

Heinrich sah auf die Herde.

— Ich bin zu alt.

— Und ich bin alt genug, um mich nicht mehr für Frieden zu entschuldigen.

Sie heirateten im Herbst. Schlicht. Im Rathaus, danach Suppe, Brot und Apfelkuchen im Garten. Viele kamen aus Neugier. Einige gingen mit Tränen in den Augen.

Der stärkste Moment kam nicht am Hochzeitstag, sondern ein Jahr später.

Heinrich las Clara einen Brief vor, den er selbst geschrieben hatte. Die Buchstaben waren krumm, die Stimme unsicher.

„Du hast mir Wörter gegeben. Ich gebe dir mein Bleiben.”

Clara weinte.

Später erzählten die Leute in Lindenrode die Geschichte anders. Nicht mehr spöttisch. Eher leise. Von der Lehrerin, die aus der Stadt kam, und dem Schäfer, der auf seine alten Tage lesen lernte.

Doch Clara wusste: Nicht sie hatte ihn gerettet.

Er hatte ihr gezeigt, dass ein einfaches Leben nicht arm ist, wenn darin Wahrheit wohnt.

 

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