— Ich habe dir von Anfang an gesagt, warum deine Mutter so unbedingt wollte, dass wir bei ihr einziehen — sagte Lena. — Aber du wolltest nicht zuhören. Also bezahlst du jetzt. Von meinem Gehalt bekommt sie keinen Cent.
Sie saßen in einem Café in Leipzig, an einem kleinen Tisch am Fenster. Draußen klebte Novemberregen an der Scheibe. Zwischen zwei Tassen kaltem Cappuccino lag ein gefalteter Zettel aus einem karierten Schulheft.
Thomas starrte darauf, als wäre es ein amtliches Urteil.
Der Zettel stammte von seiner Mutter, Frau Brigitte Keller. Ihre Handschrift war klein, sauber und gnadenlos.
„Zimmernutzung: 600 €. Nebenkostenanteil: 160 €. Internet: 25 €. Waschmaschine: 5 Waschgänge: 50 €. Küchennutzung: 80 €. Gesamt: 915 €.“
Lena schob den Zettel zu ihm.
— Lies es laut.
Thomas schluckte.
— Lena, bitte. Mama ist allein. Sie hat ihre kleine Wohnung verkauft und diese größere genommen, damit wir Platz haben. Es ist doch normal, dass wir uns beteiligen.
— Beteiligung ist nicht das Problem. Deine Mutter vermietet uns ein Zimmer und nennt es Familienhilfe.
— Das ist unfair.
— Unfair? Gestern hat sie mich gefragt, ob ich wirklich zweimal am Tag duschen muss. Heute Morgen wollte sie wissen, wie lange ich auf der Toilette war. Sie führt Strichlisten, Thomas. Neben meinem Namen.
Er sah weg.
Lena hatte ihn gewarnt. Noch bevor sie eingezogen waren. Brigitte half nie ohne Rechnung. Nicht immer mit Geld. Manchmal mit Schuld. Ein Teller Suppe wurde zu drei Wochen Dankbarkeit. Eine Einkaufstasche zu einem Beweis mütterlicher Aufopferung. Aber Thomas hatte gesagt:
— Du bist zu misstrauisch. Meine Mutter meint es gut.
Jetzt hatte das Gute eine Summe.
Als sie zurückkamen, saß Brigitte in der Küche. Vor ihr lagen ein dickes Heft, ein Kugelschreiber und ein alter Taschenrechner. Die Küche roch nach Kohl, Kaffee und Kontrolle.
— Da seid ihr ja — sagte sie. — Thomas, ich habe dir etwas warm gestellt. Lena, falls du den Herd benutzt, sag bitte Bescheid. Ich möchte die Kosten richtig aufteilen.
Lena hing ihre Jacke auf.
— Ich benutze nichts.
— Gut — sagte Brigitte und machte einen Haken.
In den nächsten Tagen wurde die Wohnung zu einem Ort, an dem jede Bewegung beobachtet wurde. Brigitte notierte Wasserverbrauch, Waschzeiten, Kühlschranköffnungen. Einmal fragte sie, ob Lena wirklich ihre Haare föhnen müsse, wenn sie doch „auch von allein trocknen“. Ein anderes Mal lag ein Zettel auf der Waschmaschine: „Weichspüler nicht im Grundpreis enthalten.“
Thomas zahlte.
Heimlich zuerst. Dann nur noch mit gesenktem Blick.
— Damit Ruhe ist — sagte er.
Aber Ruhe war das nicht. Es war Kapitulation mit Überweisung.
Am Samstagabend legte Brigitte einen neuen Zettel auf den Tisch.
— Diese Woche war teurer. Lena hat viel gekocht. Und die Dusche war länger als üblich.
Lena nahm den Zettel, las ihn und holte dann einen eigenen Ausdruck aus ihrer Tasche.
— Ich habe ebenfalls abgerechnet.
Brigitte hob den Kopf.
— Was soll das heißen?
— Wenn dieses Zuhause nach Tarifen funktioniert, gilt das für alle.
Sie legte ihren Zettel daneben.
— Abendessen für drei Personen: 280 €. Reinigung der Küche nach Ihrem Braten: 40 €. Bad putzen nach Ihrem Haarfärben: 35 €. Einkäufe tragen: 50 €. Handy einrichten, Dokumente ausdrucken, Rechnungen online bezahlen: 60 €. Kommentare über meine Mutter, meinen Beruf und meine angeblich falsche Art, Handtücher zu falten: pauschal 500 €.
Thomas wurde blass.
Brigitte stand auf.
— Das ist unverschämt.
— Nein. Unverschämt ist, Toilettengänge Ihrer Schwiegertochter zu zählen.
— In meinem Haus gelten meine Regeln!
— Genau deshalb gehe ich.
Das sagte Lena so ruhig, dass Thomas erst nach einem Moment verstand.
— Was?
Sie sah ihn an.
— Ich ziehe aus. Du kannst bleiben und bezahlen, was deine Mutter berechnet. Zimmer, Wasser, Waschmaschine, vielleicht irgendwann Atemluft. Ich nicht.
— Lena, bitte, mach keine Szene.
— Ich mache keine Szene. Ich beende eine.
Noch am selben Abend packte sie. Kleidung, Laptop, Unterlagen, zwei Bücher. Thomas stand im Türrahmen und sah aus wie ein Mann, der zum ersten Mal merkt, dass Nichtentscheiden auch eine Entscheidung ist.
— Wo willst du hin?
— Zu Marie. Dann suche ich mir etwas Eigenes.
— Und wir?
— Wir hängen davon ab, ob du irgendwann verstehst, dass Ehe nicht bedeutet, dass ich die Rechnungen deiner Mutter mit meiner Würde bezahle.
Lena ging.
Brigitte sagte in der Küche laut genug:
— Reisende soll man nicht aufhalten.
Thomas antwortete zum ersten Mal nicht sofort seiner Mutter.
Er blieb stehen. Dann ging er in die Küche, nahm den ersten Zettel und legte ihn vor sie.
— Warum hast du das getan?
— Weil ihr erwachsen seid. Weil ich nicht alles zahlen kann.
— Dann hättest du über Nebenkosten sprechen können. Nicht über Lenas Toilette.
Brigitte wurde rot.
— Sie hetzt dich gegen mich auf.
— Nein. Du hast mich gegen mich selbst aufgestellt.
Eine Woche später traf Thomas Lena im selben Café. Er brachte keinen Blumenstrauß mit. Sondern einen Mietvertrag für eine kleine Zweizimmerwohnung.
— Ich habe unterschrieben — sagte er. — Nur ich. Nicht meine Mutter. Wenn du nicht mitkommst, verstehe ich es. Aber ich wollte, dass du siehst, dass ich es verstanden habe.
Lena las den Vertrag langsam.
— Und was hast du verstanden?
Thomas sah ihr endlich in die Augen.
— Dass ich die Kontrolle meiner Mutter Fürsorge genannt habe, weil es für mich leichter war. Und dass ich dich allein gelassen habe.
Sie zog nicht sofort wieder mit ihm zusammen. Erst kamen Gespräche. Klare. Unbequeme. Dann kam die Wohnung. Klein, schlecht geschnitten, aber frei von Strichlisten.
Brigitte war gekränkt. Sie sprach wochenlang nicht mit Thomas. Als sie wieder anrief, sagte sie:
— Für eine Frau verlässt du deine Mutter.
Thomas antwortete:
— Nein. Ich verlasse nur die Vorstellung, dass Liebe eine Rechnung sein darf.
Lena bewahrte den Zettel auf.
Als Erinnerung daran, dass manche Wohnungen günstig wirken, bis man merkt, dass die Miete mit Selbstachtung bezahlt wird.
