Der Schotterweg unter dem Anhänger raschelte, als Sabine bremste, und ihre Hand lag schon auf dem Griff der Milchkanne, als ihr Blick an der Tür der alten Selchkammer hängenblieb. "KFZ-Werkstatt Gruber – ab September geöffnet." Die Farbe war noch feucht genug, dass ein Regentropfen einen dünnen Streifen durch das "R" gezogen hatte.
Ich bin Martina Gruber, fünfzig Jahre alt, und ich führe seit sechsundzwanzig Jahren den Hof meiner Eltern in einem Weiler bei Schliersee. An diesem zwanzigsten Juli, dem Eliastag, an dem in Oberbayern die Sennerinnen von der Alm herunterkommen, stand ich am Küchenfenster und sah zu, wie meine jüngere Schwester die Kanne wieder absetzte, ganz langsam, als könnte ein falsches Geräusch etwas zerbrechen, das ohnehin schon zerbrochen war.
Ich erinnere mich noch an den Geruch von warmem Bergkäse, wenn sie früher mit dem Traktoranhänger den Schotterweg heruntergerumpelt kam, die Milchkannen klappernd hinten drauf, und der Hofhund schon von Weitem bellte. Das war immer unser Tag. Der Tag, an dem die halbe Verwandtschaft zusammenkam, an dem meine Mutter, solange sie lebte, den Tisch draußen unter der Linde deckte und jeder ein Stück von der ersten Bergkäse-Ernte probierte.
Vor drei Jahren ist unsere Mutter gestorben. Sie hatte testamentarisch festgelegt, dass der Hof zu gleichen Teilen uns beiden gehören sollte – mir, die ich das ganze Jahr über die Buchhaltung mache, die Rechnungen bezahle, die Kälber verkaufe, und Sabine, die im Sommer den Almbetrieb schmeißt. So stand es auf dem Papier. In der Praxis lief es anders.
Mein Mann Rudolf hatte schon länger ein Auge auf das Nebengebäude geworfen, die alte Selchkammer, die wir als Lager nutzten. Er wollte dort eine kleine Kfz-Werkstatt einrichten, seine eigene, weil er bei BMW in Miesbach gekündigt hatte. Ich fand die Idee nicht schlecht. Nur: das Nebengebäude stand auf dem Grundstücksteil, der laut Testament eigentlich hälftig Sabine gehörte.
Ich hab's ihr im Frühling erzählt, am Telefon, während sie schon oben auf der Alm war, mit schlechtem Empfang, die Verbindung brach dauernd ab. Ich sagte, Rudolf würde das Gebäude "vorübergehend" nutzen, bis wir eine richtige Lösung finden. Sie hat nicht widersprochen. Vielleicht hat sie's nicht richtig verstanden, vielleicht hatte sie keine Kraft, mitten in der Almsaison einen Streit vom Zaun zu brechen.
Was ich ihr nicht gesagt habe: Rudolf hatte im April beim Notar in Miesbach einen Antrag gestellt, die Selchkammer samt dem dazugehörigen Grundstücksstreifen auf seinen Namen umzuschreiben – als "Ausgleich" für Investitionen, die er angeblich in den Hof gesteckt hatte. Zweitausendzweihundert Euro hatte er in eine neue Jauchegrube investiert, drei Jahre zuvor. Dafür wollte er sich dreihundertzwanzig Quadratmeter Grund sichern, mit Werkstattgebäude, das nach seiner eigenen Schätzung inzwischen einen Wert von rund vierzigtausend Euro hatte.
Ich hab mitgemacht. Nicht, weil ich meiner Schwester etwas Böses wollte, sondern weil ich dachte, sie würde es ohnehin nie bemerken – sie war doch fast das ganze Jahr über oben in den Bergen, kam nur zu Weihnachten und eben am Eliastag herunter. Und ehrlich: es war bequem, Rudolf endlich zufrieden zu sehen, nach Monaten, in denen er nur vorm Fernseher saß und über seinen alten Chef schimpfte.
Nun stand Sabine also vor dem Schild, dreißig Laib Bergkäse und zwei Kannen Molke noch auf dem Anhänger, die Wangen von der Höhensonne verbrannt. Sie hat mich nur angeschaut. Keine Frage, kein Wort. Nur dieses Schweigen, das lauter war als jedes Geschrei.
"Das ist vorübergehend", hab ich gesagt, obwohl ich wusste, dass es das nicht war.
Sie hat die Kanne endgültig abgestellt, ist zum Nebengebäude gegangen, hat die Tür aufgemacht und die neue Werkbank gesehen, die Hebebühne, die Rudolf schon bestellt hatte. Dann kam sie zurück und fragte, ganz ruhig, viel zu ruhig: "Steht das im Grundbuch?"
Ich hab genickt. Das war der Moment, in dem ich merkte, dass ich einen Fehler gemacht hatte, der sich nicht mehr mit einem Satz reparieren ließ.
Sabine ist am nächsten Tag nach München gefahren, zu einer Anwältin, die eine Bekannte von ihr aus der Almgenossenschaft empfohlen hatte. Sie hat den Grundbuchauszug angefordert, das Testament unserer Mutter, und eine schriftliche Aufstellung all der Jahre, in denen sie ihren Erbteil praktisch unbeaufsichtigt gelassen hatte, weil sie ihrer eigenen Schwester vertraut hat.
In diesen Wochen bin ich der Selchkammer aus dem Weg gegangen. Wenn ich zum Hühnerstall musste, nahm ich den Umweg über den Misthaufen, nur um nicht an der Tür vorbeizugehen. Den Brief der Anwältin, der Mitte August kam und den Rudolf mir wortlos auf den Küchentisch legte, hab ich unter die Rechnungsmappe geschoben und drei Tage nicht angerührt.
Eines Nachts, es muss halb drei gewesen sein, stand ich in der Küche und hab Gläser eingekocht, die längst nicht reif dafür waren – Zwetschgen, die noch hart und grün an den Stielen hingen. Ich hab sie trotzdem geschnitten, entkernt, in die Gläser gestopft, nur um die Hände beschäftigt zu halten und nicht an den Anruf denken zu müssen, den Rudolfs Anwalt am Nachmittag gemacht hatte. "Die mündliche Zustimmung am Telefon wird vor Gericht nicht reichen", hatte der Mann gesagt, und Rudolf hatte danach den Telefonhörer so fest aufgelegt, dass die Gabel klapperte.
"Das ist doch alles Familie", sagte Rudolf jeden Abend am Küchentisch, während er die Zeitung faltete, als wäre die Sache damit erledigt. Ich hab nichts erwidert. Ich hab nur die Zwetschgengläser in die Speisekammer getragen, eines nach dem anderen, und dabei gezählt, wie viele Wochen es wohl noch dauern würde, bis ein Anwalt das Testament genau genug gelesen hatte.
Ende August kam der zweite Brief. Die Eigentumsumschreibung wurde für nichtig erklärt, weil Sabine nie zugestimmt hatte – die mündliche Auskunft am Telefon mit schlechter Verbindung zählte vor Gericht nicht als rechtswirksame Einwilligung. Rudolf musste die dreihundertzwanzig Quadratmeter zurückgeben. Die zweitausendzweihundert Euro für die Jauchegrube bekam er als Ausgleich zurückerstattet, mehr nicht.
Sabine kam am Tag, als der Bescheid eintraf, nicht zu uns ins Haus. Sie stand vor der Selchkammer, mit dem Aktenordner unterm Arm, den ihr die Anwältin mitgegeben hatte, und wartete, bis Rudolf aus der Werkstatt kam. Sie hat ihm die Kopie des Grundbuchauszugs in die Hand gedrückt und gesagt, er habe bis zum ersten Oktober Zeit, die Hebebühne und die Werkbank abzubauen.
Dann hat sie sich zu mir gewandt. Nicht wütend, nicht mal laut. Sie hat gesagt, sie werde ab sofort einen eigenen Verwalter für ihren Hofanteil einsetzen, einen Cousin von uns, der in Rosenheim als Steuerberater arbeitet, und dass alle Einnahmen aus ihrem Grundstücksteil künftig auf ein separates Konto gingen, das nur sie einsehen könne.
Ich hab versucht, etwas zu sagen. Sie hat mich nicht unterbrochen, aber auch nicht abgewartet – sie ist einfach zu ihrem Anhänger gegangen, hat die leeren Milchkannen aufgeladen und ist zurück Richtung Alm gefahren, obwohl die Saison eigentlich schon zu Ende ging.
Rudolf hat die Werkstatt Anfang Oktober tatsächlich abgebaut. Das Schild über der Tür hat er selbst abgeschraubt, an einem regnerischen Nachmittag, während ich vom Küchenfenster aus zusah. Der Schraubenzieher rutschte zweimal ab, bevor die erste Schraube nachgab, und mit jedem Tropfen, der von der Dachrinne auf das nasse Blech klatschte, fiel eine weitere. Als das Schild schließlich unter seinem Arm lag, blieb an der Wand nur ein leerer Haken zurück, an dem sich noch lange ein Rostfleck in Form der beiden Bohrlöcher hielt. Die Selchkammer steht seitdem wieder leer, mit einem neuen Vorhängeschloss, zu dem nur Sabine und der Cousin aus Rosenheim einen Schlüssel haben.
