Eine Woche Zeit

 

— Du hast eine Woche, um auszuziehen. In diese Wohnung ziehe ich mit meiner neuen Frau ein.

Nora blieb im Flur stehen und sah ihren Mann an, als hätte er in einer fremden Sprache gesprochen.

Die Wohnung in Freiburg gehörte ihr. Zwei Zimmer im dritten Stock eines alten Backsteinhauses, geerbt von ihrer Großmutter Hilde. Hohe Fenster, knarrender Boden, eine kleine Küche mit gelben Fliesen. Nora hatte sie vor der Ehe bekommen. Notariell, eindeutig, als ihr Eigentum.

Tobias war nach der Hochzeit eingezogen. Er hatte seine kleine Wohnung am Stadtrand verkauft und behauptet, das Geld in ihre gemeinsame Zukunft zu stecken. Tatsächlich kaufte er ein Motorrad, neue Möbel, einen riesigen Fernseher und bezahlte Schulden, von denen Nora vorher nichts gewusst hatte.

Er arbeitete selten lange an einem Ort. Mal im Lager, mal im Sicherheitsdienst, mal „an einem Konzept”. Nora zahlte Miete nicht, aber alles andere: Hausgeld, Strom, Lebensmittel, Versicherungen, Reparaturen. Sie arbeitete in einer Spedition und kam abends nach Hause, um noch zu kochen, zu putzen und Tobias zuzuhören, wenn er erklärte, dass große Männer nicht für kleine Jobs geboren seien.

Im Frühling wurde er anders. Geheimnisvoll, gereizt, ständig am Handy. Dann fand Nora das Foto. Tobias bei einem Motorradtreffen, den Arm um eine blonde Frau gelegt. Darunter stand: „Tobi und Jana — endlich offiziell.”

Am Abend fragte Nora:

— Wer ist Jana?

Tobias sah kurz auf und zuckte mit den Schultern.

— Die Frau, mit der ich glücklich bin.

Es tat weh. Aber nicht so sehr wie seine Selbstverständlichkeit.

— Und ich?

— Nora, wir sind doch schon lange fertig. Mach es nicht kompliziert.

Dann erklärte er ihr, sie solle ausziehen. Er wolle mit Jana „hier neu anfangen”. Die Wohnung passe perfekt. Zentral, gemütlich, bereits eingerichtet.

Nora hörte ihn zu Ende an.

Dann holte sie die Mappe mit den Unterlagen.

— Diese Wohnung gehört mir.

— Wir sind verheiratet.

— Und trotzdem gehört sie mir.

Tobias lachte, bis er die Dokumente sah.

— Ich habe hier investiert.

— Du hast hier gelebt. Auf meine Kosten.

Am nächsten Morgen sprach Nora mit einer Anwältin. Noch am selben Tag bekam Tobias ein Schreiben. Er hatte kein Recht, sie aus der Wohnung zu drängen, kein Recht, Jana einziehen zu lassen, kein Recht auf einen Anteil.

Jana kam zwei Tage später. Ohne Tobias. Sie stand vor der Haustür und sah verunsichert aus.

— Er sagte, die Wohnung sei praktisch seine.

Nora schüttelte den Kopf.

— Praktisch war bei Tobias schon immer ein anderes Wort für gelogen.

Jana ging.

Tobias packte wütend. Er nannte Nora kalt, kleinlich, undankbar. Sie schwieg. Als er fertig war, sagte sie nur:

— Vergiss die Motorradhelme nicht. Die nehmen zu viel Platz weg.

Er schlug die Tür hinter sich zu.

Nora ließ am selben Abend das Schloss wechseln.

Danach setzte sie sich in Großmutter Hildes alten Sessel und weinte. Nicht um Tobias. Um die Jahre, in denen sie gedacht hatte, Liebe bedeute, einen Menschen in seinem Stillstand zu tragen.

Am nächsten Morgen schien Licht durch die gelben Küchenfliesen.

Die Wohnung war dieselbe.

Aber zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich wieder wie Zuhause an.

 

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