Lina und der alte Kater

 

— Mama! Papa! Ich habe alles gehört! Ihr wollt Felix einschläfern lassen! Das lasse ich nicht zu!

Lina stand im Flur, das Handy in der Hand, als wollte sie sofort jemanden um Hilfe bitten. Ihre Mutter Katrin wurde blass. Ihr Vater Martin schloss für einen Moment die Augen.

In Linas Zimmer lag Felix auf der Decke.

Ein alter schwarz-weißer Kater, siebzehn Jahre, dünn geworden, mit steifen Beinen und einem Blick, der früher frech gewesen war und nun oft müde wirkte. Er schlief viel. Er fraß wenig. Manchmal brauchte er Hilfe, um auf das Bett zu kommen.

Aber für Lina war Felix kein „alter kranker Kater”.

Er war Felix.

Er war vor ihr dagewesen. Martin hatte ihn damals als winziges Kätzchen hinter einem Supermarkt in Leipzig gefunden, in einer Zeit, in der Katrin nach einer schweren Diagnose geglaubt hatte, nie Mutter werden zu können. Felix war in ihr Leben gekommen wie ein warmer, schnurrender Trost.

Ein Jahr später wurde Lina geboren.

Felix schlief neben ihrem Kinderbett, saß unter dem Hochstuhl, wenn Brei auf den Boden tropfte, und kroch zu ihr, wenn sie nachts weinte. Er hatte ihre ersten Schritte gesehen, ihre ersten Schultage, ihre ersten Tränen wegen Freundinnen.

Und nun hatte Lina gehört, wie ihr Vater sagte:

— Vielleicht ist es Zeit, über Einschläfern nachzudenken. Er leidet, Katrin. Und die Tierarztkosten werden auch nicht weniger.

Das Wort „Einschläfern” verwandelte alles in Angst.

Lina rannte in ihr Zimmer, holte die Transportbox aus dem Schrank und flüsterte:

— Felix, wir gehen zu Oma. Dort bist du sicher.

Oma Gerda lebte in einem kleinen Ort außerhalb von Halle. Lina war lange nicht dort gewesen. Sie erinnerte sich an einen Garten, Hühner, zwei Katzen und an einen Streit zwischen ihrer Mutter und Oma, nach dem nie wieder Besuche kamen.

Sie packte Katzenfutter, Wasser, ihre Ersparnisse und einen Pullover in den Rucksack. Felix ließ sich nur widerwillig in die Box setzen, aber er war zu schwach, um sich richtig zu wehren.

Die Busfahrt dauerte fast eine Stunde. Lina hielt die Box auf dem Schoß und sprach leise durch das Gitter.

— Ich rette dich. Versprochen.

Als sie im Dorf ankam, war es schon dunkel. Die Hausnummer wusste sie nicht mehr, aber im kleinen Laden kannte man Gerda.

— Die mit den roten Geranien? Dritte Straße links.

Gerda öffnete die Tür und erstarrte.

— Lina?

Das Mädchen brach in Tränen aus.

— Oma, sie wollen Felix wegmachen!

Gerda zog sie ins Haus.

— Erst kommt ihr rein. Angst gehört nicht auf die Fußmatte.

Zu Hause waren Katrin und Martin inzwischen außer sich. Linas Handy war aus. Niemand wusste etwas. Erst spät flüsterte Katrin:

— Meine Mutter.

Sie hatte jahrelang nicht angerufen.

Gerda nahm ab.

— Lina ist hier. Felix auch. Kommt. Aber schreit nicht. Sie hat nicht aus Trotz gehandelt, sondern aus Liebe.

Später saßen sie in Gerdas Küche. Felix lag auf einer weichen Decke am Ofen.

Martin kniete sich vor Lina.

— Ich wollte ihn nicht einfach loswerden. Ich wollte nicht, dass er sich quält.

— Du hast vom Geld gesprochen.

Martin sah weg.

— Ja. Das war falsch. Manchmal redet man über Rechnungen, weil man Angst hat, über Abschied zu reden.

Katrin weinte. Gerda stellte ihr wortlos eine Tasse Tee hin. Es war die erste kleine Geste nach Jahren.

Am nächsten Morgen kam eine Tierärztin. Sie untersuchte Felix lange.

— Er ist sehr alt. Aber heute ist nicht der Tag. Wir können Schmerzen lindern, Futter anpassen, ihm Wärme und Ruhe geben. Wichtig ist: Entscheidungen trifft man nicht heimlich über den Kopf eines Kindes hinweg.

Felix blieb zwei Wochen bei Gerda. Danach kehrte er nach Hause zurück. Martin baute eine kleine Rampe zum Bett. Katrin und Gerda telefonierten wieder. Erst wegen Felix. Dann wegen sich selbst.

Felix lebte noch bis zum Sommer.

Er starb an einem warmen Morgen auf Linas Decke, während sie seine Pfote hielt. Sie begruben ihn in Gerdas Garten unter einem Apfelbaum. Auf einen Stein schrieb Lina:

„Felix. Der Kater, der vor mir da war und bis zuletzt geblieben ist.”

Lina lernte, dass Liebe manchmal auch Abschied bedeutet.

Aber die Erwachsenen lernten etwas Schwierigeres: Ein Kind kann Schmerz ertragen, wenn man ehrlich mit ihm ist. Was es nicht erträgt, ist das Gefühl, dass über seine Liebe entschieden wird, während es nicht im Raum ist.

 

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