Das Mädchen und die schwarze Schlange

Ich hatte an diesem Freitag einfach nur die Schnauze voll. Drei Autos in der Werkstatt, zwei davon mit Motorschäden, und die Ersatzteillieferung aus Hannover hing irgendwo zwischen hier und dem Mond fest. Gegen sechs war ich endlich zu Hause, roch nach Öl und Benzin und wollte nur noch mein Bier und Ruhe.

Lena war im Garten, wie immer. Das Kind konnte stundenlang im Gras sitzen und Käfer beobachten. Acht Jahre alt, aber manchmal wirkte sie wie eine kleine Professorin für alles, was krabbelt, fliegt oder durchs Unterholz schleicht. Meine Frau rief aus der Küche, das Essen sei in zehn Minuten fertig.

„Papa?“

Sie stand in der Terrassentür, die Hände hinter dem Rücken.

„Was hast du da?“

„Nichts. Also, fast nichts. Du musst mir versprechen, nicht zu schreien.“

Ich stellte das Bier ab. Bei Lena hieß „nicht schreien“ meistens, dass gleich ein Frosch durchs Wohnzimmer hüpft oder die Nachbarskatze unterm Sofa hockt.

Sie holte die Hände hervor. Darin lag, zusammengerollt wie ein schwarzes Seil, eine Schlange. Mindestens einen Meter lang, pechschwarz, mit einem weißen Fleck unter dem Kopf. Um den Leib trug sie einen Verband – Lenas Stofftaschentuch, mit einem Haargummi festgezurrt.

„Bist du wahnsinnig geworden?“

„Sie ist verletzt! Hinterm Komposthaufen, da lag sie. Irgendwer hat mit einer Schaufel nach ihr geschlagen, das sieht man genau. Sie hat eine richtige Wunde. Ich konnte sie doch nicht einfach liegen lassen.“

Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Im Fernsehen lief irgendeine Kochshow, aus der Küche klapperte Geschirr. Die Schlange bewegte sich kaum, nur die Zunge zuckte kurz raus und wieder rein.

„Lena, das ist eine Kreuzotter. Oder eine Ringelnatter, was weiß ich. Die beißt. Leg sie zurück in den Wald, sofort.“

„Du hast immer gesagt, man muss jedem helfen, der Hilfe braucht. Jedes Lebewesen zählt, hast du gesagt. Das sind deine Worte, Papa.“

Da hatte sie mich. Dieses Kind merkte sich einfach alles.

„Na schön“, brummte ich. „Aber sie bleibt nicht im Haus. Wir packen sie in eine Kiste und stellen die in den Schuppen. Morgen früh bringst du sie dahin, wo du sie gefunden hast. Ohne Diskussion.“

Ich holte einen alten Umzugskarton aus dem Keller, legte ein paar Lappen rein und Lena bettete die Schlange vorsichtig darauf. Sie stellte sogar einen kleinen Napf mit Wasser daneben, den sie sonst für ihr Meerschweinchen benutzte. Dann verschwand der Karton hinter der Werkbank im Schuppen. Der Schuppen war ein alter Anbau an der Hauswand, mit eigener Tür zum Hof und einer kleinen Katzenklappe nach innen, durch die früher der Kater der Vormieter in den Hausflur spaziert war. Wir hatten sie nie verschlossen, weil nichts dahinter war, was ein Tier hätte ruinieren können.

Um halb eins war ich immer noch wach. Der Wind hatte aufgefrischt und irgendwo in der Straße bellte ein Hund seit einer Stunde durch. Ich lag da, malte mir aus, was ich dem Spediteur am Montag sagen würde, und lauschte auf das Rauschen der Kastanie vor dem Fenster.

Dann das Geräusch.

Es kam vom Flur her. Kein Poltern und kein Klirren, eher ein Schaben, als würde etwas über die Dielen rutschen, mit Unterbrechungen, mühsam.

Jetzt war ich hellwach.

Ich tastete nach der Taschenlampe im Nachttisch, stand auf. Meine Frau murmelte etwas im Schlaf und drehte sich zur Wand. Ich drückte die Schlafzimmertür einen Spalt auf.

Im Flur war nichts zu sehen, aber eine Bewegung vor der Haustür ließ mich erstarren. Der Türgriff bewegte sich. Nicht das normale Klackern, wenn Wind dagegen drückt – ein gezieltes Rucken. Jemand fummelte von außen am Schloss herum.

Dann sah ich die Schlange.

Sie lag direkt vor der Tür, der Körper gespannt wie eine Sprungfeder, den Kopf auf die Türklinke gerichtet. Ihr Maul war geschlossen, aber die Kehle pumpte heftig, und von Zeit zu Zeit stieß sie ein scharfes, abgehacktes Zischen aus – wie Dampf aus einem Ventil. Das Geräusch, das mich eigentlich geweckt hatte: das trockene Vibrieren ihrer Schwanzspitze gegen den hohlen Dielenboden, ein unregelmäßiges Knattern, das sich mit dem Zischen zu einer Art Alarm vermischte. Der Verband war verrutscht und hing lose über der Wunde, ein dunkler Fleck hatte das Taschentuch durchtränkt.

Ich begriff in diesem Moment zwei Dinge gleichzeitig. Erstens: Da draußen steht jemand, der in mein Haus einbrechen will. Zweitens: Das Tier, das meine Tochter heimlich in den Schuppen geschmuggelt hatte, war durch die alte Katzenklappe in den Flur gekrochen und sein Zischen und das Klopfen des Schwanzes auf dem Holz hatten mich aus dem Schlaf gerissen.

Der Griff ruckte noch einmal. Dann ein leises Krachen von draußen – jemand versuchte, das Türblatt aufzuhebeln.

Ich riss meine Frau aus dem Schlaf. „Ruf die Polizei. Jetzt. Da ist jemand an der Tür.“

Während sie nach ihrem Handy tastete, rannte ich zu Lenas Zimmer. Das Kind schlief tief und fest und bekam von all dem nichts mit. Ich schloss die Tür und stellte einen Stuhl davor.

Die Schlange hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Ihr Zischen wurde schärfer, das Schwanzklopfen schneller, als der Hebel draußen splitterte, dann ein Fluch. Der Mann gab auf. Schritte entfernten sich polternd über den Kies, und plötzlich bellte der Hund von vorhin nicht mehr, sondern jaulte kurz auf und verstummte.

Dann nichts mehr.

Blaulicht färbte die Gardinen im Wohnzimmer, zuerst nur von fern, dann huschten die Schatten der Streifenwagen über die Hauswand gegenüber. Männerstimmen auf der Straße, eine kurze Rangelei, Handschellen klicken.

Ein Polizist mit Fünf-Uhr-Bart klopfte an die Tür. Ich öffnete, die Schlange lag immer noch da, platt auf dem Bauch, als hätte die kurze Anspannung sie alle Kraft gekostet.

„Vorsicht“, sagte ich, „da ist… ein Tier.“

Der Beamte sah nach unten, zog eine Augenbraue hoch und sagte bloß: „Ach du meine Güte. Ist das Ihre?“

Es stellte sich heraus, dass der Mann auf unserer Straße schon das dritte Haus in zwei Wochen gewesen wäre. Er hatte es auf Werkzeuge und Bargeld abgesehen, so die Polizei, und in einer Nachbargemeinde hatte er einen älteren Herrn mit einem Schraubenschlüssel niedergeschlagen. Als sie ihn schnappten, fanden sie in seiner Jackentasche ein Stück Fleischwurst mit Schlafmittel – vermutlich für den Hund der Nachbarn, der tatsächlich am nächsten Morgen benommen, aber unverletzt in seiner Hütte lag. Wenn wir geschlafen hätten, wenn die Schlange mich mit ihrem Alarm nicht wach bekommen hätte – die Worte des Polizisten blieben im Flur hängen, als er sie aussprach.

Ich machte allen einen starken Kaffee. Meine Frau zitterte, während sie die Tassen aus dem Schrank holte; ich sah, wie sie versuchte, die Untertasse dreimal hinzustellen, ohne dass sie klapperte.

Lena kam im Schlafanzug die Treppe herunter, barfuß, mit verstrubbeltem Haar. Sie sah die offene Haustür, die Polizisten, die Schlange vor der Türschwelle.

„Du hast sie reingelassen“, sagte sie zu mir.

„Nein“, sagte ich. „Die Katzenklappe vom Schuppen, die alte. Da ist sie durch. Und dann hat sie so einen Lärm gemacht, dass ich aufgewacht bin. Rechtzeitig.“

Lena kniete sich hin. Die Schlange hob den Kopf, die Zunge schnellte vor und zurück. Das weiße Taschentuch hing nur noch an einem Faden, die Wunde darunter war rot und roh. Wie sie sich überhaupt hierhergeschleppt hatte, mit dieser Verletzung, in der Kälte, durch die enge Klappe – ich konnte es mir nicht erklären. Aber da war sie.

„Danke“, sagte Lena leise. Ein Wort, mehr nicht. Der eine Polizist rührte schweigend in seinem Kaffee.

Die Schlange wandte den Kopf, schob sich an Lenas ausgestreckter Hand vorbei und glitt über die Türschwelle hinaus in die Nacht. Jetzt, wo die Anspannung von ihr abfiel, bewegte sie sich wieder so schwerfällig wie am Nachmittag, ein langer schwarzer Körper, der sich mit sichtbarer Mühe vorwärts schob. Die Veranda runter, über den Rasen, vorbei an dem Komposthaufen, wo meine Tochter sie gefunden hatte. Das letzte, was ich sah, war das Ende des schwarzen Körpers, das im hohen Gras hinter dem Gartenzaun verschwand.

Ich stand noch eine Weile in der Tür, während der Morgen den Himmel über Kassel färbte und irgendwo auf der Wilhelmshöher Allee der erste Lieferwagen vorbeirumpelte. Meine Tasse war kalt. Später erfuhr ich, dass es eine Ringelnatter gewesen sein musste – Kreuzottern gibt es bei uns kaum noch, und die weißen Flecken am Kopf sind typisch. Ein schwarzes Exemplar, selten, aber nicht unmöglich. Sie zischen, wenn sie sich bedroht fühlen. Dass sie mit dem Schwanzende auf Holz getrommelt hatte, war wohl Zufall, die panische Reaktion eines verletzten Tiers, das nicht mehr fliehen konnte. Aber für mich klang es in dieser Nacht wie eine Warnung.

Am nächsten Tag ließ ich die Werkstatttür einen Spalt offen. Nur für den Fall. Lena malte ein Bild von einer Schlange mit einem weißen Verband und schrieb darunter in krakeliger Schrift: *Unsere Beschützerin*.

Es hängt immer noch an der Wand im Schuppen. Direkt neben der Stelle, wo der Karton gestanden hatte.

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Odissea
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