Ich stand mit einem lächerlichen Strauß Feldblumen am Haupttor des Volksparks Friedrichshain und fror. Es war Mitte Oktober, kurz vor fünf, und der Wind zerrte an den welken Blättern. Gekauft hatte ich die Blumen bei einem alten Mann im U-Bahnhof, der mir mit krummen Fingern eine Mischung aus Margeriten und Hahnenfuß zusammengebunden hatte. Ich habe von Blumen keine Ahnung – die einzigen, die ich kenne, sind die roten Rosen, die mein Vater sonntags für meine Mutter holte, bevor er starb.
„Lukas?“
Die Stimme kam von hinten, leise und doch klar wie ein Glöckchen. Ich fuhr herum. Vor mir stand eine junge Frau mit kastanienbraunen Locken, die unter einer schäbigen Strickmütze hervorquollen. Ihre Augen waren meerblau, und sie musterte mich mit diesem halb spöttischen, halb zärtlichen Blick, der mir sofort in die Knie fuhr. Anna. Genau so hatte ich sie mir vorgestellt, obwohl wir uns nur von einem einzigen verschwommenen Foto kannten.
„Du siehst ja aus, als würdest du gleich umfallen“, sagte sie und nahm mir die Blumen aus der Hand. „Die sind aber hübsch. Komm, lass uns reingehen. Das Pärchen da drüben glotzt schon die ganze Zeit.“
Sie hakte sich bei mir unter. Ihr Griff war fest, fast ein wenig zu fest, als müsste sie sich selbst davon überzeugen, dass sie das hier wirklich tat. Schweigend schlenderten wir die kastaniengesäumte Allee hinunter. Normalerweise konnte ich auf Dates reden wie ein Wasserfall – Witze, Anekdoten, das ganze Programm. Jetzt fühlte ich mich wie ein gestrandeter Fisch. Meine Zunge klebte am Gaumen.
Anna blieb unter einer riesigen Trauerweide stehen und ließ meinen Arm los. Der Abenddunst hing in ihren Haaren.
„Lukas, ich mag dich. Wirklich. Aber lass uns nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Ich bin keine Frau für wilde Romanzen, verstehst du? Ich will… langsam. Sicher. Kein Feuerwerk, das nach zwei Wochen erlischt.“
Mein Herz krampfte sich zusammen. Ich rechnete mit der üblichen Abfuhr: unterschiedliche Kreise, keine Zukunft. Ich starrte auf die Risse in der Weidenrinde und kämpfte gegen den dummen Kloß im Hals. Vierundzwanzig, dachte ich wütend, und heulst wie ein Schuljunge.
Sie trat dicht hinter mich, ihre Fingerspitzen berührten sacht meinen Ellbogen.
„Ich habe nicht gesagt, dass wir uns nicht wiedersehen“, flüsterte sie. „Nur eben langsam. Okay?“
Ich nickte stumm und drehte mich um. Ihr Lächeln war warm, aber ihre Augen blieben wachsam. An diesem Abend brachte ich sie noch bis zur Ecke Schönhauser Allee, dann blieb sie abrupt stehen.
„Ab hier gehe ich allein. Meine Tante wartet bestimmt schon, und ich will kein Gerede im Haus.“
„Anna… Hast du überhaupt ein Telefon?“
Sie zögerte. Eine halbe Sekunde zu lang.
„In der Wohnung nicht. Aber ihr könnt mich im Kaiserhof erreichen. Tagsüber bin ich da, an der Rezeption. Abends übernimmt dann der Nachtdienst. Ruf einfach an und frag nach mir. Wenn ich nicht rangehe, bin ich in der Lobby oder mache die Runden. Die Kollegen richten es aus.“
Ich kam mir vor wie ein Trottel, aber ich nickte. Sie drückte kurz meine Hand und bog um die Ecke, den Strauß im Arm. Ich sah ihr nach, bis die Dunkelheit sie schluckte.
Zu Hause brannte im Wohnzimmer noch Licht. Meine Mutter saß in Vaters altem Ohrensessel, die Füße in einer karierten Decke vergraben, und blätterte in der Fernsehzeitung. Als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, legte sie das Blatt zur Seite.
„Und? Wieder eine von diesen Saisonbekanntschaften?“
„Sie heißt Anna. Arbeitet als Rezeptionistin im Kaiserhof. Sie ist… wunderbar, Mama. Wirklich.“
Sabina schob die Lesebrille hoch und musterte mich, als hätte ich ihr einen Laib faules Brot serviert.
„Eine Hotelangestellte? Lukas, du bist im fünften Semester Jura. Denk an deine Zukunft. Dein Vater wäre entsetzt. Empfangsdamen mit Diplom-Küchenpsychologie sind nichts für dich. Gute Nacht.“
Ich antwortete nicht, sondern schloss einfach meine Zimmertür. Aber der Samen der Unruhe war gepflanzt.
In den folgenden Tagen versuchte ich es dutzendmal. Ich wählte die Nummer des Kaiserhofs, verlangte nach Frau Kraemer, und jedes Mal hieß es: „Sie ist gerade im Gespräch“, „Macht die Runde“, „Kann nicht gestört werden“. Ein einziges Mal kam sie selbst an den Apparat, und nach zwei Sätzen wurde die Leitung totgelegt – ein Gast hatte auf den Tresen geklopft. Ich war am Verzweifeln. Die Telefonrechnung meiner Mutter würde explodieren, und ich hatte Anna trotzdem kaum gehört.
Eine Woche später trafen wir uns wieder im Park, unter derselben Trauerweide. Der Regen trommelte auf die letzten Blätter, und Anna trug einen viel zu dünnen Regenmantel. Ich hielt meinen Schirm über uns beide, und sie lehnte sich an meine Schulter, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
„Du siehst furchtbar aus“, sagte sie leise. „Wegen der Telefoniererei, stimmt’s?“
„Ich kapier’s nicht. Warum kann ich dich nie erreichen?“
Sie schwieg lange. Dann grinste sie – dieses jungenhafte Grinsen, das ich heimlich anbetete.
„Weil die Damen in der Zentrale mich nicht durchstellen, sobald sie merken, dass es privat ist. Die Vorschriften sind gnadenlos. Aber…“ Sie beugte sich ganz dicht an mein Ohr, und ich roch den Regen auf ihrer Haut. „Ich habe eine direkte Leitung. Eine technische Notfallnummer, die nur der Geschäftsführer und die Haustechnik kennen. Der Apparat steht hinter dem Tresen, ganz hinten in der Ecke. Wenn nachts das Management weg ist, kann ich den Hörer ablegen. Eigentlich ist es streng verboten. Wenn das herauskommt, bin ich den Job los – und kriege eine Referenz, nach der mich keiner mehr anstellt. Verstehst du? Das Risiko ist gewaltig.“
„Anna, ich würde dich niemals verraten. Das weißt du.“
Ihr Blick wurde ernst. „Gut. Heute Nacht um ein Uhr, wenn alles ruhig ist, rufe ich dich an. Du schreibst dir dann die Nummer auf. Nur du. Kein Zettel für deine Mutter, kein Gekritzel am Telefon, das jemand findet. Klar?“
Ich nickte, mein Herz raste.
Punkt ein Uhr in der Nacht zerriss das Klingeln die Stille meines Zimmers. Ich saß auf der Bettkante, den Apparat auf dem Schoß, und hob noch vor dem zweiten Ton ab. Meine Hand zitterte.
„Lukas?“
„Anna. Ich bin da.“
„Schreib.“ Sie flüsterte, als stünde jemand direkt neben ihr. „Null, neun, eins, eins – dann vier, zwei, sieben, null, drei, acht. Wiederhol!“
Ich kritzelte die Zahlen auf einen alten Kassenzettel, die Finger feucht vor Aufregung. Sie ließ mich die Nummer zweimal nachsprechen. Dann atmete sie hörbar aus.
„Nur Mut. Nach der Null die Vorwahl von Nürnberg nicht vergessen, sonst landest du bei der alten Frau Hennecke von nebenan. Und wenn es besetzt ist, dann prüft die Technik die Leitung. Warte zehn Minuten, dann versuch’s neu. Okay?“
„Anna… Ich möchte dich so gern sehen. Morgen?“
„Morgen. Unser Platz. Fünf Uhr. Und jetzt schlaf, du Verrückter.“ Sie legte auf, bevor ich antworten konnte.
Das wurde der kostbarste Zettel meines Lebens. Nacht für Nacht, wenn meine Mutter schlief und das Haus in Dunkelheit lag, schlich ich mich mit dem Telefon unter die Bettdecke und wählte die geheime Nummer. Fast immer meldete sie sich nach dem zweiten Klingeln, manchmal mit einem geflüsterten „Kaiserhof, Rezeption“, das offiziell klingen sollte und doch voller Wärme steckte. Wir redeten über Gott und die Welt, über meine Seminare in Frankfurt, über ihren Traum, eines Tages eine eigene kleine Pension an der Ostsee zu führen. Keine von meinen vorherigen Freundinnen hatte je mit so ruhiger Ernsthaftigkeit zugehört. Ich verliebte mich mit jedem Atemzug tiefer.
Drei Wochen lang blieb unser Geheimnis unentdeckt. Bis zu diesem Donnerstag.
Meine Mutter stand plötzlich um halb zwei in meinem Zimmer, das Gesicht wutverzerrt. In der Hand hielt sie den Zweitapparat aus dem Wohnzimmer, den sie offenbar abgehört hatte.
„Ich habe es geahnt!“, zischte sie. „Dieses Flittchen quasselt mit dir auf der Notleitung ihres Hotels! Weißt du, was das ist? Missbrauch von Betriebseinrichtungen! Rufnummernmissbrauch! Wenn ich damit zum Geschäftsführer gehe, ist sie in zehn Minuten ohne Job und ohne jede Perspektive!“
„Mama, das kannst du nicht machen! Sie hat mir vertraut!“
„Vertraut!“, Sabina lachte trocken. „Du ruinierst dein Studium und deinen Ruf für eine Hotelangestellte, die sich nachts heimlich an technische Anschlüsse hängt. Morgen früh rufe ich im Kaiserhof an und sage Herrn Feldmann, was seine Nachtportierin so treibt. Danach ist Ruhe. Und du wirst mir danken, glaub mir.“
Noch in derselben Nacht schrieb ich Anna eine SMS, so kurz und verzweifelt, wie es die dreißig Zeichen erlaubten: „Mutter weiß alles. Ruft morgen Chef an. Es tut mir so leid.“ Ich hoffte, sie würde sie lesen, bevor der Sturm losbrach.
Am nächsten Vormittag rief Anna an. Mein Telefon vibrierte in der Vorlesung, und ich stolperte auf den Flur. Ihre Stimme klang tonlos.
„Ich bin entlassen. Mit sofortiger Wirkung. Deine Mutter war sehr überzeugend. Herr Feldmann hat gesagt, er zeigt mich nicht an, wenn ich das Gebäude binnen einer Stunde verlasse und nie wieder betrete. Ich hole jetzt meine Sachen. Lukas, bitte… lass es gut sein. Ich kann nicht zwischen dich und deine Mutter geraten. Ich fahre morgen früh zu meiner Cousine nach Bremen. Vielleicht finde ich da was. Mach’s gut.“
Sie legte auf. Ich hämmerte die Nummer der Notleitung, aber es meldete sich nur noch eine blecherne Ansage: „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Der Zettel war wertlos geworden.
Den Rest des Tages verbrachte ich wie in Trance. Am Abend stand ich in der Tür zum Wohnzimmer. Sabina saß in Vaters Sessel, die Hände im Schoß gefaltet, und lächelte dünn.
„Es ist vorbei, Lukas. Du wirst sehen, es war das Beste. In ein paar Wochen hast du ein nettes Mädchen aus dem Bekanntenkreis, eine Jurastudentin vielleicht. Ich habe dich vor einem furchtbaren Fehler bewahrt.“
„Du hast mein Vertrauen und ihre Existenz zerstört, Mama. Ich ziehe morgen zu ihr nach Bremen. Wenn nötig, breche ich das Studium ab. Such mir keine nette Jurastudentin. Ich will nur sie. Auf Wiedersehen.“
Ich drehte mich um und ging in mein Zimmer, während hinter mir ein erstickter Laut ertönte – halb Schluchzen, halb Fluch. Ich packte einen Rucksack.
Am nächsten Morgen, es regnete in Strömen, stand ich am Gleis 12 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Der Zug nach Bremen sollte in zwanzig Minuten einfahren. Ich hatte Annas Cousine ausfindig gemacht und erfahren, dass sie tatsächlich über Bremen reisen wollte. Mehr wusste ich nicht. Ich hoffte, sie hier zu finden.
Und da stand sie. Ganz am Ende des Bahnsteigs, ein kleiner Koffer zu ihren Füßen, die Schultern unter dem nassen Mantel hochgezogen. Sie weinte nicht, sie starrte einfach nur ins Leere. Ich ging auf sie zu, Schritt für Schritt, das Herz in der Kehle.
„Anna…“
Sie sah auf. Ihre meerblauen Augen waren stumpf vor Erschöpfung. „Du solltest nicht hier sein. Deine Mutter…“
„Meine Mutter hat mich nicht mehr. Ich habe mich für dich entschieden. Bitte, steig nicht in den Zug. Wir finden einen Weg. Irgendwo. Irgendwie. Ich lasse dich nicht gehen.“
Sie schüttelte den Kopf, eine rebellische Träne löste sich. „Ich habe nichts. Keine Arbeit, keinen Ruf. Wie soll das funktionieren?“
„Ich habe genug für uns beide. Und ich werde jeden Tag vor deiner Cousine auf der Matte stehen, bis du mir glaubst. Komm, lass uns wenigstens einen Kaffee trinken gehen und reden. Bitte.“
Ich ergriff ihren Arm, ganz vorsichtig, als könnte sie zerbrechen. Sie wehrte sich nicht. Wir standen eine Weile einfach so im Regen, zwei völlig durchnässte Gestalten.
In diesem Moment raschelten schnelle Schritte auf dem Beton. Sabina. Mit zerzaustem Haar und ohne Lippenstift – ich hatte sie noch nie so unperfekt gesehen. Sie blieb drei Meter vor uns stehen und rang nach Luft.
„Warten Sie!“
Anna zuckte zusammen, als würde sie gleich einen Schlag empfangen. Aber meine Mutter hob nur langsam die Hände, als ergäbe sie sich.
„Es… es tut mir leid. Was ich da angerichtet habe… Ich war blind vor Angst um meinen Jungen. Ich wollte ihn nicht verlieren, und dabei hätte ich ihn erst recht vertrieben.“ Sie wandte sich an Anna, ihre Stimme brach. „Sie haben ihm in drei Wochen mehr Wärme geschenkt, als ich es in den letzten drei Jahren geschafft habe. Wenn Sie bleiben, werde ich mich nie wieder einmischen. Versprochen. Und wegen der Stelle…“ Sie nestelte einen gefalteten Zettel aus der Manteltasche. „Ich kenne die Leiterin des Seniorenstifts am Lohrberg. Die suchen eine neue Empfangskraft. Nicht so glamourös wie ein Hotel, aber sie stellen sofort ein. Und es gibt ein kleines Apartment dazu. Ich hab heute Nacht kein Auge zugetan und herumtelefoniert. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Bitte, geben Sie meinem Sohn eine Chance. Geben Sie uns eine Chance.“
Der Regen trommelte auf den Asphalt, während Annas Blick zwischen dem Zettel und Sabinas verheultem Gesicht hin- und herwanderte. Langsam, fast ungläubig, streckte sie die Hand aus und nahm die Notiz entgegen. Dann griff sie nach der Hand meiner Mutter.
„Ich will nicht zwischen Ihnen und Ihrem Sohn stehen, Frau Brenner. Aber ich bleibe. Für ihn. Und vielleicht… für Sie auch.“
Sabina nickte hektisch, und dann tat sie etwas, womit niemand gerechnet hatte: Sie zog Anna vorsichtig an den Schultern zu sich und drückte sie, linkisch und fest, als wäre es das erste Mal seit Jahren, dass sie jemanden umarmte. Über ihren Rücken hinweg sah Anna mich an, und zum ersten Mal an diesem Morgen leuchtete ein Funke Wärme in ihren Augen.
Der Zug nach Bremen fuhr pünktlich ab, mit leeren, nassen Scheiben, an denen die Tropfen zerliefen. Wir sahen ihm nicht nach. Wir gingen zu dritt zum Ausgang, meine Mutter in der Mitte, Anna und ich an ihren Seiten. Keiner sprach. Keiner musste.
Ein halbes Jahr später saßen wir zu dritt auf einer Bank im Volkspark Friedrichshain, genau unter der Trauerweide, an der alles begonnen hatte. Anna hielt ein kleines, schlafendes Bündel im Arm, meine Mutter hatte eine Thermoskanne mit Kaffee im Korb und schimpfte leise über die Mücken. Der Sommer flirrte in der Luft. Ich nahm Annas Hand und spürte, wie mein Daumen die Stelle streifte, an der ihr Verlobungsring saß.
Die verbotene Leitung hatte uns nicht zerstört, sondern neu verbunden – uns alle drei. Und wenn ich heute das Klingeln eines Telefons höre, muss ich lächeln. Nicht wegen der Töne, sondern weil ich mich an den Moment erinnere, als eine geflüsterte Zahlenfolge mein Leben in ein Abenteuer verwandelte, das ich nie mehr missen wollte.
„Was grinst du so?“, fragte Anna schläfrig und schmiegte den Kopf an meine Schulter.
„Nur so. Ich dachte daran, wie mein Telefon letzte Nacht geklingelt hat, als du im Bad warst. Ich habe sofort abgehoben – aber es war nur Oma Hennecke von nebenan. Die falsche Vorwahl gezogen, offenbar.“
Anna lachte leise, und meine Mutter brummte: „Fängt das schon wieder an?“, aber es klang beinahe zärtlich. Und so blieb es. Und so war es gut.
