— Sie ist meine Tochter. Habt ihr das verstanden? sagte Anna und stellte sich vor das Mädchen.
Im Wohnzimmer wurde es still.
Eigentlich war es ein Kindergeburtstag. Lottes achter Geburtstag. Auf dem Tisch standen Kuchen, Saftgläser, kleine Teller mit Erdbeeren und Geschenke in buntem Papier. Doch die Familie ihres Mannes hatte es wieder geschafft, aus einem Fest ein Urteil zu machen.
Lotte war zu Anna gekommen, hatte ihre Arme um ihre Taille gelegt und gefragt:
— Mama, darf ich die Kerzen anzünden?
Da hatte Schwiegermutter Hannelore die Tasse abgestellt.
— Mama? Kind, deine Mutter ist tot. Diese Frau hier ist nicht deine Mutter.
Lotte erstarrte.
Anna spürte, wie das Kind sich hinter sie drückte.
Als Anna Markus kennenlernte, war Lotte vier. Ihre Mutter war bei einem Unfall gestorben. Markus war plötzlich Witwer, Vater, Bauleiter und ein Mann, der nicht wusste, wie man einem Kind erklärt, dass ein Mensch nicht mehr zurückkommt.
Anna kam nicht mit großen Versprechen. Sie war Krankenschwester und wusste, dass man Schmerz nicht wegredet. Sie brachte Malbücher, setzte sich auf den Teppich und wartete, bis Lotte selbst näherkam. Das Foto der verstorbenen Mutter blieb auf dem Nachttisch. Anna putzte den Rahmen, wenn sie Staub wischte.
— Deine Mama gehört immer zu dir, sagte sie. Ich nehme ihr nichts weg.
Mit der Zeit wurde aus „Anna” zuerst „Anna-Mama” und dann manchmal nur „Mama”. Anna korrigierte sie anfangs. Dann merkte sie, dass jede Korrektur Lotte wehtat.
Markus’ Familie sah darin Gefahr.
— Eine Stiefmutter bleibt eine Stiefmutter, sagte Hannelore. — Wartet nur, bis sie eigene Kinder will.
Doch Anna wollte nicht ersetzen. Sie blieb.
Sie fuhr Lotte zur Logopädie, wenn Markus auf Baustellen war. Sie saß am Beckenrand, als Lotte im Schwimmkurs Angst bekam. Sie nahm frei, wenn Fieber kam. Sie kannte die Albträume, die Lieblingssocken, die Art, wie Lotte ihr Brot geschnitten haben wollte.
Hannelore kannte vor allem Vorwürfe.
An diesem Nachmittag hatte Anna genug.
— Sie beschützen Lotte nicht, sagte sie. Sie beschämen sie dafür, dass sie sich sicher fühlt.
Hannelore wurde rot.
— Du manipulierst das Kind.
— Nein. Ich bin da. Das ist etwas anderes.
Markus stand auf. Zu lange hatte er geschwiegen, um keinen Streit zu haben. Aber in diesem Moment sah er sein Kind wieder klein werden, als hätte es erneut jemanden verloren.
— Mama, Schluss. Anna ist Lottes Mutter. Nicht statt ihrer ersten Mutter. Aber hier, heute, in diesem Leben.
— Du wählst sie gegen uns?
— Ich wähle mein Kind.
Einige Verwandte gingen beleidigt. Die Tür fiel laut ins Schloss.
Später saß Lotte auf Annas Schoß.
— Wird meine richtige Mama traurig, wenn ich dich Mama nenne?
Anna schluckte.
— Deine Mama hat dich geliebt. Ich glaube, sie wäre froh, dass dich jemand hält, wenn sie es nicht mehr kann.
Lotte weinte leise.
Ein Jahr später beantragten Markus und Anna die Adoption. Beim Gespräch fragte man Lotte, was sie wolle.
— Ich will, dass Anna auch auf dem Papier meine Mama ist. Weil sie bleibt, auch wenn ich meine andere Mama vermisse.
Anna weinte.
Nach dem Beschluss gingen sie zu dritt Eis essen. Lotte nahm ihre Hand und sagte:
— Jetzt kann niemand mehr sagen, dass du nicht zählst.
Anna drückte ihre Finger.
Denn Mutterschaft beginnt nicht immer mit einer Geburt.
Manchmal beginnt sie mit Geduld, einem Fieberthermometer, einer Nacht ohne Schlaf — und dem Mut, vor allen anderen zu sagen: Dieses Kind gehört zu mir.
