Spatzenschiss

Ich war vierzehn, als mein Vater auf der A3 bei Aschaffenburg starb. Aquaplaning. Die Feuerwehr sagte, der silberne Passat habe sich dreimal um die eigene Achse gedreht, bevor er unter den Sattelschlepper geriet. Meine Mutter, Jutta, brach auf dem Küchenboden zusammen, als die beiden Polizisten gingen. Nicht weinend – einfach umgefallen, als hätte jemand den Stecker gezogen. Drei Tage lag sie im abgedunkelten Schlafzimmer, das Rollo ließ keinen Spalt Licht herein. Unsere Nachbarin, Frau Kowalski, brachte mir jeden Abend eine Schüssel Kartoffelsuppe und sagte: „Du musst jetzt stark sein, Markus. Deine Mutter braucht dich.“ Ich wusste nicht, wie man stark ist. Ich wusste nur, dass der Geruch von Vaters Rasierwasser noch im Badezimmer hing und der Gedanke daran, diesen Geruch jemals wegzuwischen, mir die Kehle zuschnürte.

Das Haus stand in Schwetzingen, ein paar Straßen vom Schlossgarten entfernt. Ein solides Ding aus den sechziger Jahren mit einem riesigen Grundstück, auf dem mein Vater Spargelbeete angelegt hatte, die das halbe Viertel beneidete. Weißes Gold, nannte er sie. Unsere Garage quoll über vor Gartengerät, und hinter dem Komposthaufen stand ein alter rostiger Grill, auf den Vater immer mit einem Zweig den Umriss eines Fisches kritzelte, bevor er die Kohle anzündete. Zwei Wochen nach der Beerdigung stand der erste Makler vor der Tür. Ein freundlicher Mann mit einem Aktenkoffer, der mit der Zunge schnalzte, als er den alten Birnbaum am Ende des Gartens sah. „Ein solches Filetgrundstück, Frau Jüttner. Sie könnten eine Eigentumswohnung im Neubaugebiet kaufen und hätten noch einen mittleren fünfstelligen Betrag übrig.“ Meine Mutter nahm die Visitenkarte, steckte sie in die Schürzentasche und sagte: „Mein Sohn wächst hier auf. Das Haus hat sein Vater gebaut. Guten Tag.“ Später fand ich die Karte zerrissen im Biomüll, zusammen mit den Schalen der Frühkartoffeln.

Ich wollte weg. Jede Faser meines Körpers wollte weg. Das Einfamilienhaus-Ding, die umgegrabene Erde unter den Fingernägeln, das war Vaters Welt gewesen, nicht meine. Ich hasste den Samstagsdienst im Garten. Ich hasste es, wie sich der Lehm unter meinen Turnschuhen festsetzte, während meine Freunde draußen am Baggersee ihr erstes Bier tranken. Wenn meine Mutter mit glänzenden Augen über Tomatensorten sprach – Ochsenherz, Harzfeuer, Green Zebra –, schaute ich aus dem Küchenfenster und stellte mir das Studio-Apartment in Mannheim vor, das ich eines Tages haben würde. Weiße Wände, ein Schreibtisch und nichts, absolut nichts, was Unkraut ansetzt.

An einem Nachmittag im Frühjahr, ich war siebzehn, platzte mir beim Zurückschneiden der Rosen der Kragen. Meine Hand blutete, und ich schleuderte die Schere quer über den Rasen. „Warum machst du das? Warum tust du dir das an? Rücken kaputt, Hände rissig. Für ein bisschen Grünzeug, das man auf dem Wochenmarkt für drei Euro kriegt!“ Meine Mutter lehnte die Harke an den Komposter und sah mich an, so ruhig, dass es unheimlich war. Dann sagte sie: „Zieh deine Schuhe aus.“ – „Was?“ – „Zieh sie aus. Stell dich auf den Rasen.“ Ich tat es, verwirrt. „Spürst du das?“, fragte sie. „Das ist der Boden, den dein Vater mit dem Spaten umgedreht hat, als ich mit dir schwanger war. Hier drunter liegen keine toten Steine. Hier lebt was. Das ist nicht irgendein bisschen Grünzeug. Das ist unser Dreck.“ Sie hob die Schere auf, legte sie mir in die Hand und ging ins Haus. Ihre Gummistiefel hinterließen feuchte Abdrücke auf der Terrasse.

Mit neunzehn fing ich eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei der BASF in Ludwigshafen an. Zum ersten Mal hatte ich Geld, das nicht aus Mutters Geldbörse stammte. Ich träumte noch immer von einer modernen Wohnung mit bodentiefen Fenstern, weit weg vom Rasenmäherlärm und dem ständigen Gerede über den pH-Wert des Bodens. Ich traf Hanna. Sie war Zahntechnikerin, hatte kurze, lackierte Fingernägel und lachte über meine Witze. An unserem dritten gemeinsamen Abend sagte sie: „Zeig mir mal, wo du wohnst.“ Ich fuhr sie nach Schwetzingen. Sie sah das Haus, den Garten, meine Mutter in ihrer grünen Latzhose, die den Grill anheizte, und sagte nur: „Krass. Hier bist du aufgewachsen? Das ist ja wie in einem Märchen.“ Ich antwortete nicht. Ich sah den überquellenden Komposthaufen, die abblätternde Farbe am Schuppen, die endlose Reihe von Kräutertöpfen auf der Fensterbank. Ich sah Arbeit.

Meine Mutter bekam die Diagnose an einem Dienstagmorgen im November. Die Ärzte sprachen von einer tückischen Entzündung, die auf das Herz übergriff. Binnen zweiundsiebzig Stunden war alles vorbei. Zu schnell zum Begreifen. Ich stand in der Tür des Krankenhauses in Heidelberg, in der Hand eine Plastiktüte mit ihren Sachen: ihre Brille, ein halb aufgegessenes Päckchen Butterkekse, ihr abgegriffenes Portemonnaie mit einundvierzig Euro und einem uralten Foto von Vater, das schon ganz abgegriffen war. Hanna hielt meine andere Hand. Ich weinte nicht, aber meine Knie gaben nach. Ich dachte an das Spargelbeet. Es war unvorbereitet für den Winter. Mutter hätte es längst mit Vlies abdecken müssen. Diese verflixte, blöde Spargel.

Das Erbe kam in einer einzigen großen braunen Aktenmappe vom Amtsgericht. Das Haus. Das Grundstück. 1.200 Quadratmeter, voll. Und ich war der Alleinerbe. In den Monaten danach sprach Hanna mich vorsichtig auf die Zukunft an. Ob wir nicht doch in die Stadt ziehen wollten. „Deine Mutter ist nicht mehr da. Die Arbeit war ihr Ding. Dein Ding ist es nicht.“ Wir saßen im Wohnzimmer, der Kamin war aus, weil ich vergessen hatte, Holz zu hacken. Ich sah auf die alte Standuhr, die stehen geblieben war, und auf die Trockenblumen, die noch von Mutters letztem Strauß im September stammten. Alles roch nach Staub und kaltem Kaffee.

Ein befreundeter Bauunternehmer machte mir ein Angebot. Dreihundertachtzigtausend Euro. Einfach so. Schlüssel abgeben, alles plattmachen, vier Doppelhaushälften draufsetzen. Ich bat um eine Woche Bedenkzeit. Eine Woche, in der ich nachts wach lag und die Zahl im Kopf hin und her wälzte. Hanna malte mir aus, wie wir die neue Wohnung einrichten könnten. Alles offen, viel Licht, kein einziger verdammter Laubbläser weit und breit. Ich war so nah dran, den Anruf zu tätigen. Die Nummer war schon eingespeichert unter „Abwicklung“.

Dann kam der erste Samstag im März. Ich stolperte durch den Garten, um frische Luft zu schnappen, und blieb an der alten rostigen Grilltonne hängen. Der Umriss des Fisches, den Vater mit einem Zweig hineingeritzt hatte. Er war noch da, kaum sichtbar unter dem Rost, aber da. Und direkt daneben, völlig absurd, fing ein Rosenstock an, den meine Mutter noch gepflanzt haben musste, an ihrem hölzernen Rankgerüst auszutreiben. Winzige, hartnäckige grüne Punkte. Ich stand da in meinen Socken, weil ich keine Gummistiefel mehr besaß, und mir war, als flüsterte jemand über das Rascheln der vertrockneten Blätter.

Die Woche verstrich. Ich konnte nicht anrufen. Stattdessen rief ich Hanna zu, sie solle ihre alte Jacke anziehen. „Wir müssen zu Hornbach. Wir brauchen Vlies. Das Spargelbeet. Sonst erfriert der Wurzelstock.“ Sie sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Markus, du hasst Gärtnern. Du hast es immer gehasst.“ – „Ich weiß“, sagte ich und zog mir die alten Lederhandschuhe meiner Mutter an. Sie waren noch immer zu groß und rochen nach Erde.

Die Nachbarn kamen zur ersten Spargelernte im Mai wie zu einem Volksfest. Frau Kowalski brachte einen selbstgemachten Hollandaise-Topf, und ihr Mann fragte mit einer Mischung aus Unglauben und Respekt: „Du bleibst also? Du machst das wirklich?“ Ich hielt einen frischgestochenen Spargel in der Hand, vorsichtig mit dem Spargelstecher unter dem Damm hervorgeholt, genau wie es mein Vater in meiner Kindheit jeden Frühling gezeigt hatte. „Das Haus wird generationentauglich umgebaut“, sagte ich. „Den alten Schuppen hinten reiße ich ab. Da kommt ein Anbau hin. Ebenerdig. Mit separatem Eingang.“ Hanna drückte meine Schulter. Sie verstand es nicht, nicht wirklich. Aber sie sah, dass die leeren Augen, mit denen ich den ganzen Winter durch das Haus geirrt war, verschwunden waren.

Die Bagger kamen an einem regnerischen Donnerstag. Sie rissen den morschen Schuppen nieder, nicht das Haus. Der notarielle Erbvertrag, den ich aufgesetzt hatte, war klar: Das Haus wird aufgeteilt in zwei eigenständige Wohnungen, eine für mich und Hanna, eine zweite, die unserem Sohn Oskar gehören wird, wenn er volljährig ist. So lange verwalte ich sie. Der Garten wird in zwei Parzellen geteilt. Vaters Birnbaum steht genau auf der Grundstücksgrenze. Er gehört beiden. So hat es meine Mutter nie gesagt, aber so hat sie es gemeint. Wurzeln schlagen ist ein aktives Verb.

Vor zwei Wochen rief mich der Bauunternehmer noch einmal an. Er habe gehört, ich hätte den Bagger bestellt. Ob ich es mir anders überlegt hätte mit den Doppelhaushälften? Ich stand im Schuppen und sortierte Mutters alte Saatgutdöschen. „Das Angebot ist vom Tisch“, sagte ich. „Aber ich habe hier etwas für Sie. Einen Korb von unseren ersten Spargeln. Die bringen Sie nicht im Supermarkt, die sind von unserem Boden. Kommen Sie vorbei, dann zeige ich Ihnen den Unterschied zwischen Ochsenherz- und Harzfeuertomaten. Man schmeckt ihn nämlich.“

Ich legte auf, nahm ein Holztablett und trug es hinaus zu Oskar, der mit einem Spaten bewaffnet auf einer freien Fläche herumstocherte. Es war ein Blanko-Schild aus Schiefer, in das Hanna mit Kreidestift „Haus Jüttner“ geschrieben hatte. Ich befestigte es mit zwei rostfreien Schrauben am Gartentor. Ich muss dabei gelächelt haben. Nicht wegen des Schildes, sondern weil ich auf dem Weg zum Tor barfuß über den Rasen gelaufen war. Und ich hatte es gespürt. Unser Dreck. Unter den Zehennägeln, als Puls.

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Odissea
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