Der Geruch von angebranntem Zwiebelkuchen hing noch in der Küche, als meine Schwiegermutter Ingeborg ihr Weinglas abstellte und mich mit diesem speziellen Blick fixierte, der nie etwas Gutes verhieß. Draußen vor dem Fenster zog die Straßenbahn der Linie 5 Richtung Hornusstraße vorbei, das vertraute Quietschen in der Kurve, das ich seit fünfzehn Jahren hörte und normalerweise gar nicht mehr wahrnahm. Heute hörte ich es.
„Jonas, ich hab mir das genau überlegt“, sagte Ingeborg und schob das halbvolle Glas beiseite. „Die Krügerrand-Münzen von deinem Vater. Die liegen doch nur im Bankschließfach und bringen niemandem was. Ein befreundeter Händler am Münsterplatz nimmt die zum Tageskurs mit fünf Prozent Aufschlag. Damit kriegen wir Finns Studium in Zürich finanziert. Das ganze erste Jahr ist damit bezahlt, und es bleibt sogar noch was übrig für ein WG-Zimmer in der ersten Zeit.“
Meine Frau Marike stand am Herd und löffelte gerade den Rest vom Kartoffelsalat in eine kleinere Schüssel um. Ihre Hand mit dem Löffel stoppte für den Bruchteil einer Sekunde, dann machte sie weiter, als hätte sie nichts gehört. Ich kannte diese Bewegung. Nach elf Jahren Ehe wusste ich genau, wann Marike sich zwingt, nicht zu explodieren.
„Von welchen Münzen genau redest du, Ingeborg?“, fragte Marike und stellte die Schüssel mit einem leisen Klacken auf die granitene Arbeitsplatte.
„Na, von denen, die Jonas von seinem Vater geerbt hat. Die zwanzig Krügerrand. Die liegen seit Jahren im Tresor der Sparkasse und verstauben. Dein Vater hat sie damals als Seemann aus Südafrika mitgebracht, bevor er nach Freiburg zurückkam. Das ist doch wirklich sentimentaler Unsinn, die da vergammeln zu lassen. Finn braucht jetzt eine Perspektive!“
Finn. Ihr Enkel. Der Sohn von Marikes Bruder Henrik aus dessen erster Ehe. Henrik, der geschieden war und jeden Monat knapp über dem Dispo lebte, weil seine Exfrau jeden Cent aus ihm herausquetschte und er zu weich war, Nein zu sagen. Finn, der das ganze letzte Schuljahr über lieber im Stadtgarten abhing, anstatt fürs Abitur zu lernen, und dann mit einem 3,2-Schnitt natürlich an keiner staatlichen Uni in der Schweiz angenommen wurde. Jetzt sollte eine private Hochschule in Zürich die Lösung sein. Zahlen sollte es jemand anderes.
Henrik selbst saß am Esstisch und starrte auf sein Handy, als stünde darauf die Lösung für den Nahostkonflikt. Ich kannte das. Sobald seine Mutter den Mund aufmachte, wurde Henrik unsichtbar. Ein dreiundvierzigjähriger Mann, der im entscheidenden Moment zu einem Schatten an der Wand wurde.
„Ingeborg“, sagte ich und stellte meinen Teller in die Spüle. „Das sind die Münzen, die mein Vater von jeder einzelnen Heuer für mich zurückgelegt hat. Er hat in den siebziger Jahren auf einem Containerschiff zwischen Hamburg und Kapstadt gearbeitet, vier Monate am Stück, bei jedem Wetter. Die sind nicht nur Gold. Da steckt ein ganzes Leben drin. Warum sollte ich die verkaufen?“
„Weil es hier um Familie geht!“ Ingeborgs Stimme wurde scharf. Sie strich sich mit den Fingern über den Kragen ihrer teuren Seidenbluse, eine nervöse Geste, die ich an ihr kannte, seit Marike mich das erste Mal mit zu ihren Eltern genommen hatte. „Die Tochter von den Brenners aus der Scheffelstraße hat gerade ihren Master in Cambridge angefangen. Und was wird aus meinem Enkel? Soll er Pakete ausfahren bis er vierzig ist? Familie hilft einander, Jonas. So läuft das nun mal!“
„Dann hilf ihm doch“, sagte Marike, immer noch mit diesem ruhigen Ton, den ich fürchtete, weil er bedeuten konnte, dass sie kurz vor einem Ausbruch stand oder bereits eine Entscheidung getroffen hatte, von der sie niemand mehr abbringen würde. Diesmal war es das Zweite. „Ihr seid doch seine Familie. Henrik ist sein Vater. Du bist seine Großmutter. Verkauft den Zweitwagen. Oder das kleine Grundstück am Titisee. Ihr habt doch selbst genug, womit ihr Finn unterstützen könntet, wenn es euch wirklich wichtig ist. Ihr müsst Jonas‘ Erbe nicht anrühren — das geht euch nichts an.“
Ingeborgs Gesicht lief rot an. Neben dem linken Nasenflügel begann ein kleines Äderchen zu pulsieren, das ich bisher nur einmal gesehen hatte, damals, als ihr der Golf vor dem Edeka in der Basler Straße abgeschleppt worden war.
„Was fällt dir ein, mir so zu kommen!“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Jonas ist mein Schwiegersohn, er gehört zu dieser Familie. Und in einer Familie teilt man, wenn es hart auf hart kommt! Seit wann bist du so auf deinen eigenen Vorteil bedacht?“
„Seit du über das Eigentum meines Vaters bestimmst, als wäre es dein Sparstrumpf“, sagte ich und hörte selbst, wie kalt das klang.
Henrik hob endlich den Blick vom Display. „Jetzt übertreibt mal nicht alle. Mama versucht doch nur, eine Lösung zu finden. Jonas, du trägst die Dinger doch nie. Die könnten genauso gut Cent-Stücke im Brunnen sein, so viel Nutzen haben die dir bisher gebracht. Finn ist achtzehn. Wenn der jetzt nicht auf die richtige Bahn kommt, wird das nie mehr was. Wir reden hier über seine Zukunft!“
„Dann bezahl sie“, sagte ich. Wort für Wort.
Henrik zuckte zusammen. Ingeborg schnappte hörbar nach Luft. Marike lehnte am Türrahmen der Küche, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah ihren Bruder an, als sähe sie ihn zum ersten Mal richtig.
„Ich kann nicht“, murmelte Henrik. „Das weißt du genau. Die Raten für den Passat, die Nachzahlung vom Finanzamt, und Rebecca will ja auch ständig Extras für Finn — ich bin froh, wenn am Ende des Monats noch zweihundert Euro übrig sind. Das ist doch genau der Punkt, Jonas. Du hast das Geld doch irgendwie. Du musst es nur flüssig machen.“
Ich dachte an das Schließfach in der Sparkasse in der Kaiser-Joseph-Straße. An den schweren Schlüssel, der in der obersten Schublade unseres Sekretärs lag, zusammen mit alten Postkarten aus Port Elizabeth, die mein Vater noch von Bord aus geschrieben hatte, bevor das Satellitentelefon die Briefe überflüssig machte. Ich dachte an die zwanzig Münzen, jede einzelne fast vierunddreißig Millimeter im Durchmesser, mit dem springenden Bock auf der einen und dem Konterfei von Paul Kruger auf der anderen Seite. Mein Vater hatte sie nicht als Anlage gekauft. Er hatte sie gekauft, weil er seinem Jungen etwas hinterlassen wollte, das man anfassen, das man spüren konnte. Echte Werte in einer Welt, die immer weniger zum Anfassen hatte.
„Das sind fast vierunddreißigtausend Euro nach aktuellem Kurs“, sagte ich leise. „Wenn ich die verkaufe, sind sie weg. Einfach weg. Für einen Jungen, der ein ganzes Jahr lang alles bekommen hat, was er wollte, und es nicht mal geschafft hat, einen geraden Satz über die Französische Revolution zu schreiben. Wie viel habt ihr für die Nachhilfe ausgegeben, Henrik? Elf Monate, zwei Mal die Woche, bei diesem pensionierten Lehrer vom Droste-Hülshoff-Gymnasium. Fünfzig Euro die Stunde. Hab ich was gesagt, als Marike und ich deswegen unseren Urlaub in die Toskana gestrichen haben? Nein. Aber das hier ist die Grenze. Das ist nicht euer Geld. Und es wird es auch nicht werden.“
Ingeborg stand auf. Ihr Stuhl scharrte über den Dielenboden.
„Weißt du, was du bist, Jonas? Ein Egoist. Genau wie deine Frau. Zwei Egoisten, die sich gefunden haben und jetzt gemeinsam auf ihrem Goldstapel sitzen, während um sie herum die Familie zerbricht. Das Erbe von einem Seemann, der wahrscheinlich selbst nicht gewollt hätte, dass sein Sohn es für Metallstücke verprasst!“
Ich stand ebenfalls auf. Der Oberschenkel stieß gegen die Tischecke, der Schmerz fuhr mir bis ins Knie, aber ich ließ mir nichts anmerken. Nebenan, im Wohnzimmer, lief der Fernseher noch auf Zimmerlautstärke. Die Nachrichten vom SWR. Irgendwas über die Baustelle am Hauptbahnhof und die verspätete Fertigstellung der neuen Straßenbahnbrücke. Der Alltag rauschte einfach weiter, während in unserer Küche eine Welt unterging, die ich für stabil gehalten hatte.
„Mein Vater ist auf See gestorben, Ingeborg. Er hatte einen Herzinfarkt, drei Tage vor Weihnachten, auf halbem Weg zwischen Las Palmas und Dakar. Diese Münzen sind nicht das Ding, mit dem er reich werden wollte. Das ist das Einzige, was ich von ihm habe, außer dieser verdammten Seekiste mit seiner alten Öljacke und einer Sammlung von Schallplatten, die kein Mensch mehr hört. Aber sie sind mir etwas wert. Und dass du und Henrik an meinem Küchentisch sitzt und darüber verhandelt, als wäre das euer Pfandhaus, das ist —“ ich suchte kurz nach dem Wort — „das ist unverschämt. Gelinde gesagt, Ingeborg. Das ist einfach unverschämt.“
Marike hatte den Lappen genommen und wischte langsam über die Arbeitsplatte. Hin und her, hin und her. Sie sagte nichts, aber ihre Mundwinkel zeigten diese schmale, zufriedene Linie, die ich an ihr so liebte, wenn jemand sie endlich verstand.
Ingeborg griff nach ihrer Handtasche, einer burgunderroten Ledertasche von Aigner, die sie sich letztes Jahr zum Geburtstag von Henrik hatte schenken lassen, weil das alte Modell angeblich nicht mehr ihren Ansprüchen genügte. Eintausendfünfhundert Euro. Ich wusste es, weil Marike damals mit ihr im Geschäft gewesen war und Kopfschütteln nicht geholfen hatte.
„Das lasse ich mir nicht bieten“, presste sie hervor. „Hier wird einfach nur klar, wer in dieser Familie zusammenhält und wer nicht. Komm, Henrik, wir gehen. Bei deiner Frau ist Hopfen und Malz verloren, das hab ich immer schon gesagt, und bei deinem Schwager offensichtlich auch. Aber glaubt bloß nicht, dass das keine Folgen hat!“
Sie rauschte aus dem Zimmer. Henrik zögerte, warf mir einen Blick zu, der zwischen Trotz und schlechtem Gewissen schwankte, und folgte ihr dann. Die Wohnungstür fiel laut ins Schloss. Im Treppenhaus, das nach Bohnerwachs und dem nassen Hund des Nachbarn roch, verhallten ihre schnellen Schritte auf den alten Fliesen. Dann war es still.
Marike legte den Schwamm beiseite und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch. Sie sah zu mir herüber. „Du hast nichts falsch gemacht“, sagte sie.
„Das weiß ich“, antwortete ich.
Wir räumten den Rest des Abendbrots ein. Das schwere Gefühl im Bauch blieb, aber es war ein sauberes Gefühl, wenn es so etwas gibt. Ich hatte etwas stehen lassen. Etwas, das nicht verhandelbar war.
Am nächsten Tag rief Ingeborg bei Marike an und sagte, sie solle zur Vernunft kommen und auf mich einreden. Marike sagte: „Nein, Mama, werde ich nicht tun.“ und legte auf. Danach war das Telefon für eine Woche stumm. Henrik schickte eine Nachricht bei WhatsApp, ein langer Text über den Wert von Familie und seine Enttäuschung, und löschte sie kurz darauf wieder, bevor ich drauf antworten konnte. Vielleicht besser so.
Eine Woche später traf ich Henrik im DM an der Kaiserbrücke. Er stand an der Kasse mit einem Korb voller Hundefutter und Batterien. Als er mich sah, zögerte er. Ich nickte ihm zu, nichts mehr, und ging weiter in die Tiefgarage. Manchmal ist ein Nicken das Härteste, was man tun kann.
Der eigentliche Paukenschlag kam drei Wochen später. Marike und ich saßen auf dem Sofa und planten endlich den Urlaub, den wir ein Jahr zuvor gestrichen hatten. Diesmal sollte es nach Südtirol gehen, eine kleine Ferienwohnung in Meran mit Blick auf die Passer, neun Tage einfach nur wandern und lesen. Da erreichte mich der Brief von einem Freiburger Notariat, eingeschrieben, mit diesem dicken grauen Umschlag, bei dem man sofort wusste, dass er nichts Angenehmes enthielt.
Ingeborg hatte offiziell beantragen lassen, dass die Krügerrand-Münzen als eheliches Vermögen betrachtet würden, das in die Zugewinngemeinschaft fiel, weil ich sie erst nach der Hochzeit mit Marike geerbt hatte. Genauer gesagt: vier Monate nach der standesamtlichen Trauung. Ihr Argument war, dass Marike als meine Frau Anspruch auf die Hälfte des Wertzuwachses habe und dass Marike verpflichtet sei, diesen Anteil für die Familie — sprich: für Finn — einzusetzen. Sie verlangte eine Vermögensauskunft, eine Schätzung und eine Teilungsvereinbarung. Mit juristischem Briefkopf und einer achtseitigen Begründung.
Ich las das Schreiben im Stehen, mitten im Flur, die Haustür noch angelehnt, durch die die kühle Novemberluft hereinkroch. Marike kam aus der Küche und sah mein Gesicht. Sie nahm mir den Brief aus der Hand, überflog ihn und wurde sehr still.
„Das ist nicht dein Ernst“, flüsterte sie.
„Es ist offenbar ihr Ernst“, sagte ich.
Ich rief am nächsten Vormittag meinen Anwalt an, einen trockenen, älteren Herrn namens Dr. Schumann, der ein Büro in der Wiehre hatte und Spezialist für Erbrecht war. Er las sich den Schriftsatz durch, brummte zweimal und sagte dann: „Die Frau hat entweder einen sehr schlechten Anwalt oder sie weiß, dass das niemand durchgehen lässt und will nur Druck ausüben. Die Münzen sind ein Erbe. Erbe fällt nicht in die Zugewinngemeinschaft. Punkt. Das steht im Gesetz, und da gibt es keinen Ermessensspielraum, wie viel Liebe in der Familie ist oder nicht. Aber der Versuch, diese Sache in die Länge zu ziehen, ist natürlich eine Belastung für Sie beide. Ich werde antworten, aber Sie sollten sich darauf einstellen, dass es hässlich werden könnte. Ihre Schwiegermutter scheint bereit, auch vor Gericht zu ziehen, nur um ihre Position durchzusetzen. Das kostet Sie Zeit, Nerven und einen ordentlichen Vorschuss. Um die elftausend Euro werden Sie da schon mal auf den Tisch legen müssen, bevor das durch alle Instanzen ist, wenn es hart auf hart kommt. Und ob Sie das Geld je wiedersehen, steht in den Sternen. Die Damen und Herren vom Amtsgericht interessieren sich eher für die Rechtslage als für die Moral der Beteiligten. Und die Rechtslage ist hier, wie gesagt, glasklar. Die Frage ist nur: Wie lange wollen Sie sich das antun?“
Elftausend Euro. Ich dachte an die Krügerrand-Münzen im Tresor. Ein Drittel davon würde alleine für die Abwehr dieses absurden Angriffs draufgehen. Ich dachte an Ingeborgs Gesicht an unserem Küchentisch. An ihren Satz über die Egoisten. Und dann dachte ich an meinen Vater auf dem Containerschiff, der von Kapstadt nach Las Palmas fuhr und sich sagte: Die springende Antilope ist für Jonas. Eines Tages wird er sie haben und wissen, dass ich an ihn gedacht habe.
Ich ging nicht an den Tresor. Ich ging zu Marike, die auf der Terrasse stand und in den kleinen Innenhof hinuntersah, in dem der Nussbaum unseres Nachbarn seine letzten Blätter verlor. Es war kurz nach Mittag, die Sonne hing blass und tief über den Dächern der östlichen Wiehre, und irgendwo übte jemand Klarinette — unsicher, mit vielen Aussetzern, aber trotzdem irgendwie schön in seiner Unbeholfenheit.
„Ich habe eine Idee“, sagte ich zu Marike.
Am Montag darauf, um Viertel vor zehn, standen Marike und ich im Büro von Dr. Schumann und eröffneten ein Stiftungskonto. Dann gingen wir gemeinsam in die Sparkasse. Der Angestellte im Tresorraum, ein junger Mann mit beginnender Stirnglatze und adretten Manschettenknöpfen, öffnete das Schließfach und ließ uns allein. Ich nahm die schwere, schwarze Metallkassette heraus, legte sie auf den schmalen Holztisch und öffnete den Deckel. Die Münzen lagen da, eine neben der anderen, jede in einer durchsichtigen Plastikhülle, wie ich sie vor Jahren sortiert hatte. Zwanzig Stück. Eine davon hielt ich hoch ins Licht. Die Antilope schien zu springen.
„Los geht‘s“, sagte Marike.
Der Händler am Münsterplatz war ein schmaler Mann mit dicken Brillengläsern, der wenig redete, dafür jede Münze mindestens zwei Minuten lang unter der Lupe begutachtete. Dann rechnete er. Tageskurs plus fünf Prozent. Er bot an, den Betrag direkt zu überweisen. Zwei Stunden später war das Geld auf dem Stiftungskonto. Siebenunddreißigtausendachthundert Euro. Nicht die Welt, aber es war meins. Meines.
Den Stiftungszweck hatte ich so formuliert: „Förderung der Ausbildung von Jugendlichen aus Familien mit geringem Einkommen im Handwerk, mit ausdrücklichem Ausschluss von privaten Hochschulen und Einrichtungen außerhalb der Bundesrepublik Deutschland, und unter der ausdrücklichen Bedingung, dass Antragsteller, die mit Frau Ingeborg Sandmann oder Herrn Henrik Sandmann, beide wohnhaft in Freiburg im Breisgau, verwandt oder verschwägert sind, von der Förderung ausgeschlossen bleiben. Dieser Ausschluss ist bindend und gilt auf Dauer, solange der Stiftungszweck besteht.“ Dr. Schumann hatte den ersten Entwurf gelesen, die Augenbraue gehoben und gesagt: „Das ist ungewöhnlich persönlich für eine Stiftungssatzung, aber rechtlich völlig wasserdicht. Gratulation. Wenn Sie sicher sind, dass Sie das wollen: Ich setze das so auf.“ Ich war sicher.
Sechs Tage später erhielt Ingeborg eine formelle Mitteilung des Stiftungsregisters, dass die Antragstellung für Finn abgelehnt worden war und dass eine erneute Antragstellung aufgrund der satzungsgemäßen Ausschlussklausel für ihre Familie dauerhaft keinen Erfolg haben könne. Eine Kopie der Satzung lag bei, der betreffende Passus war dezent mit einem Leuchtmarker hervorgehoben. Ein Versehen meines Anwalts, wie er auf Nachfrage trocken erklärte. Das Porto für den Brief hatte ich übernommen.
Drei Tage später stand Ingeborg vor unserer Tür. Ich sah sie durch den schmalen Spion: Sie trug einen dunkelblauen Mantel, ihr Haar war strenger frisiert als sonst, und sie hielt etwas in der Hand, das wie ein weiteres Anwaltsschreiben aussah.
Ich öffnete nicht. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, setzte mich aufs Sofa, nahm eine von den alten Schallplatten meines Vaters zur Hand — eine Aufnahme von Hannes Wader vom Konzert in der Hamburger Fabrik, 1978 — und las den Begleittext auf der Rückseite. Es klopfte noch zweimal. Irgendwann hörte es auf.
Die Münzen waren weg, aber sie waren genau da, wo sie hingehörten. Nicht in einem Schließfach, nicht auf dem Konto eines Privatschulbetreibers in der Schweiz, sondern in der Welt, und sie würden helfen. Jemandem, der sie wirklich brauchte, der sie nicht erwartet hatte, der sich eines Tages hinsetzen würde mit einem Gesellenbrief in der Hand und nicht einmal wissen würde, woher die Chance kam.
Ich legte Hannes Wader auf den alten Dual-Plattenspieler und ließ die Nadel in die Rille fallen. Die Gitarre setzte ein, warm und nah, und in der ersten Strophe stand mein Vater neben mir, genau für einen Moment, und sagte nichts.
