Um sechs Uhr morgens kündigte ich nicht nur meinen Job

„Wie konntest du einfach kündigen? Du sollst arbeiten, statt meinem Sohn auf der Tasche zu liegen!“

Die Stimme meiner Schwiegermutter durchschnitt den stillen Morgen wie das Kreischen einer alten Straßenbahn.

Es war kurz nach sechs.

Draußen lag Leipzig noch im grauen Licht vor Sonnenaufgang. Im Schlafzimmer schlief Matthias neben mir, den Mund leicht geöffnet, eine Hand unter dem Kissen. Beim ersten Klingeln der Gegensprechanlage hatte er sich nicht bewegt. Beim zweiten zog er die Decke höher.

„Mach bitte auf“, murmelte er. „Das ist bestimmt Mama.“

Ich wusste, dass sie es war.

Seit drei Tagen wartete ich auf diesen Besuch.

Ich zog Matthias’ dunkelblauen Bademantel über, obwohl die Ärmel zu lang waren, und ging barfuß zur Tür. Auf dem Treppenabsatz stand Renate. Sie trug eine dicke Steppweste über einem seidenen Nachthemd, Lockenwickler im Haar und hielt einen Stoffbeutel mit Milch, Brötchen und einer Packung Quark.

Sie begrüßte mich nicht.

„Küche“, sagte sie nur und lief an mir vorbei.

Renate stellte den Beutel auf den Tisch und sah mich an, als wäre ich eine Angestellte, die beim Diebstahl erwischt worden war.

„Also? Bist du jetzt zufrieden?“

„Ich habe gekündigt“, antwortete ich.

„Das weiß ich! Frau Henschel aus eurer Lohnbuchhaltung hat es mir erzählt. Aber ich will von dir hören, was du dir dabei gedacht hast. Matthias soll jetzt alles bezahlen?“

Mein Blick fiel auf unseren alten Kühlschrank. Ein vergilbtes Gerät aus den neunziger Jahren, das Renate uns beim Einzug überlassen hatte.

„Der hält ewig“, hatte sie damals gesagt.

Auf der Tür klebte ein Magnet: „Zuhause ist, wo die Familie ist.“

Matthias hatte ihn zu unserem ersten Hochzeitstag mitgebracht. Damals hatte ich geglaubt, dass mit „Familie“ auch ich gemeint war.

Vier Jahre lang hatte ich als Teamleiterin in einem Versandunternehmen gearbeitet. Kein Traumjob, aber ein sicheres Einkommen. Wir wohnten zur Miete in einer Dreizimmerwohnung. Der Vertrag lief auf Matthias, Renate hatte gebürgt.

Sie erwähnte diese Bürgschaft regelmäßig.

Wenn ich einen neuen Teppich kaufen wollte, fragte sie, ob das „in ihrer Wohnung“ nötig sei. Wenn ich die Möbel umstellte, sagte sie, man solle in einer Mietwohnung nicht so tun, als gehöre sie einem.

Dabei zahlte ich die Hälfte der Miete. Die Hälfte der Nebenkosten. Die Hälfte der Kita-Gebühren für unsere Tochter Emma.

Die Lebensmittel kaufte meist ich.

Jeden Morgen stand ich um halb sechs auf. Ich schmierte Brote, weckte Emma, suchte Haargummis, packte ihre Tasche und brachte sie in die Kita. Danach fuhr ich ins Büro. Abends holte ich sie ab, kochte, räumte auf und beantwortete E-Mails.

Matthias arbeitete von neun bis siebzehn Uhr.

Wenn er nach Hause kam, setzte er seine Kopfhörer auf und spielte am Computer.

„Ich muss abschalten“, sagte er.

Ich hatte offenbar keinen Schalter.

Einmal musste ich länger im Büro bleiben. Ich bat ihn, Emma abzuholen.

„Mach ich“, sagte er.

Um halb sieben rief die Erzieherin an.

„Frau Berger, wir schließen. Ihre Tochter sitzt noch hier.“

Ich nahm ein Taxi. Emma stand im Flur der Kita, schon in ihrer Jacke, den kleinen Rucksack fest an sich gedrückt.

Matthias saß zu Hause vor dem Bildschirm.

„Ich habe die Zeit vergessen“, sagte er, ohne sich umzudrehen.

„Deine Tochter hat auf dich gewartet.“

„Es war doch eine Erzieherin da.“

Später fragte Emma mich:

„Mama, wusste Papa nicht, dass ich dort bin?“

Ich sagte, er sei müde gewesen.

Es war die erste von vielen Lügen, mit denen ich sein Verhalten vor unserem Kind erklärte.

Als ich im Winter mit hohem Fieber im Bett lag, bat ich Matthias, Medikamente zu holen. Er kam mit Bier, Erdnüssen und Tiefkühlpizza zurück.

„In der Apotheke war eine Schlange“, sagte er. „Bestell es doch.“

Eine Stunde später überwies er mir die Hälfte der Kosten. Im Verwendungszweck stand: „Diesen Monat nichts Unnötiges mehr.“

Renate kam immer häufiger. Sie hatte einen Schlüssel „für Notfälle“. Bald bestand der Notfall offenbar darin, dass sie wissen wollte, was in unserem Kühlschrank lag.

„Matthias ist so dünn geworden.“

„Matthias ist vierzig und kann sich selbst ein Brot machen.“

„Eine gute Frau sorgt dafür, dass ihr Mann nicht vor dem Kühlschrank stehen muss.“

Sie korrigierte, wie ich Wäsche faltete. Sie kritisierte Emmas Kleidung. Sie erklärte mir, dass Kinder keine Vollkornnudeln, sondern „richtiges Essen“ bräuchten.

Matthias hörte zu und schwieg.

„Sag deiner Mutter bitte, dass sie sich nicht ständig einmischen soll“, bat ich.

Er lachte.

„Sie meint es doch gut.“

„Sie kommt unangemeldet und kontrolliert alles.“

„Du bist zu empfindlich.“

Vor einer Woche hatte Renate Geburtstag. Ich kaufte Blumen, einen Kuchen und einen Schal. Nach der Arbeit fuhr ich zu ihr und blieb fast zwei Stunden.

Am nächsten Abend sagte Matthias:

„Mama ist enttäuscht, weil du ihren Geburtstag vergessen hast.“

Ich sah ihn an.

„Ich war gestern bei ihr.“

„Sie sagt, sie erinnert sich nicht.“

„Und du glaubst ihr?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Warum sollte sie lügen?“

In diesem Moment wurde ich nicht wütend. Ich wurde ruhig.

Ich verstand, dass ich für beide keine Person war. Ich war eine Funktion. Ich verdiente Geld, kümmerte mich um das Kind, kochte, putzte und musste dabei dankbar aussehen.

Am Samstag reichte ich meine Kündigung ein.

Nicht, um arbeitslos zu bleiben.

Eine frühere Kollegin hatte in Erfurt eine kleine Buchhaltungsfirma gegründet. Seit Monaten bot sie mir eine Stelle an. Weniger Gehalt, aber geregelte Arbeitszeiten und zwei Tage Homeoffice.

„Das Gästezimmer ist frei“, sagte sie. „Du und Emma könnt erstmal bei mir wohnen.“

Das Gästezimmer istIch stoppte alle Daueraufträge auf unser Gemeinschaftskonto. Packte Dokumente, Kleidung und Emmas Zeichnungen in einen Koffer. Den Koffer versteckte ich im Kellerabteil hinter leeren Getränkekisten.

Ich wusste, dass Renate von der Kündigung erfahren würde. Frau Henschel wohnte in derselben Straße und traf sie regelmäßig beim Bäcker.

Nun stand meine Schwiegermutter in der Küche und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Mein Sohn arbeitet hart! Du kannst dich nicht einfach ausruhen!“

„Matthias hat noch nie meinen Anteil bezahlt.“

„Aber jetzt muss er es!“

„Nein. Ich fange nächsten Monat in Erfurt an.“

Renate verstummte.

„Was heißt das?“

Matthias erschien in der Tür. Seine Haare standen ab, sein Gesicht war verschlafen.

„Warum schreit ihr?“

„Deine Frau hat gekündigt“, rief Renate. „Sag ihr, sie soll sofort beim Chef anrufen und sich entschuldigen.“

Matthias sah mich an.

„Ist das wahr?“

„Ja.“

„Ohne mit mir zu reden?“

Ich musste fast lachen.

„Ich habe vier Jahre mit dir geredet.“

„Aber so eine Entscheidung betrifft uns beide.“

„Als ich dich bat, Emma abzuholen, betraf es uns auch beide. Als ich krank war, ebenso. Als deine Mutter mich in meinem Zuhause beleidigte, ebenfalls.“

„Du übertreibst.“

„Genau deshalb gehe ich.“

Renate zog scharf die Luft ein.

„Du gehst?“

„Heute. Mit Emma.“

Matthias wurde plötzlich wach.

„Du nimmst mir mein Kind nicht weg.“

„Ich nehme dir nichts weg. Du kannst sie sehen. Aber sie wird nicht länger in einem Haushalt leben, in dem ihr Vater ihre Betreuung für eine freiwillige Gefälligkeit hält.“

„Ich habe sie einmal vergessen!“

„Dreimal. Zweimal hat meine Nachbarin sie abgeholt, weil ich wusste, dass du wieder spielen würdest.“

Sein Gesicht wurde blass.

Aus dem Flur kam Emma. Sie trug ihren Schlafanzug und hielt ihren Stoffhasen im Arm.

„Mama“, fragte sie leise, „fahren wir zu Tante Sabine?“

„Ja, mein Schatz.“

Matthias kniete sich vor sie.

„Willst du denn weg von Papa?“

Emma sah ihn lange an.

„Ich will, dass Mama nicht mehr im Bad weint.“

Niemand sagte etwas.

Renate öffnete den Mund, doch Matthias hob zum ersten Mal die Hand.

„Mama, bitte.“

Sie starrte ihn an, als hätte er sie geschlagen.

Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass er sie unterbrach.

Für unsere Ehe kam diese Grenze zu spät.

Ich holte den Koffer aus dem Keller. Als ich zurückkam, stand Matthias vor dem Kühlschrank. Ich nahm den Magneten von der Tür.

„Warum nimmst du den mit?“, fragte er.

„Ich nehme ihn nicht mit.“

Ich legte ihn auf den Tisch.

„Ein Zuhause ist nicht dort, wo ein Spruch am Kühlschrank hängt. Es ist dort, wo niemand beweisen muss, dass er das Recht hat, müde zu sein.“

Die ersten Wochen in Erfurt waren anstrengend. Emma und ich schliefen in Sabines Gästezimmer. Ich verdiente weniger, musste jeden Euro planen und bereitete nebenbei die Scheidung vor.

Aber ich holte meine Tochter jeden Tag pünktlich ab.

Abends schaltete ich den Laptop aus und niemand verlangte, dass ich noch ein Hemd bügelte oder die Küche kontrollieren ließ.

Matthias meldete sich zunächst nur wegen Geld und Besuchszeiten. Nach einigen Wochen kam er regelmäßiger nach Erfurt. Anfangs fragte er mich, was Emma essen solle, welche Kleidung sie brauche und wann sie schlafen müsse.

„Du bist ihr Vater“, sagte ich. „Finde es heraus.“

Langsam tat er es.

Ein halbes Jahr später saßen wir in einem Café, während Emma mit Bauklötzen spielte.

„Meine Mutter sagt immer noch, du hättest alles zerstört“, sagte er.

„Und was sagst du?“

Er sah auf seine Hände.

„Dass ich es mir bequem gemacht habe. Du hast gearbeitet, das Kind versorgt und den Haushalt gemacht. Ich habe das normal genannt, weil es für mich angenehm war.“

„Das ist wenigstens ehrlich.“

„Kommst du zurück?“

„Nein.“

Er nickte, als hätte er die Antwort erwartet.

Wir wurden kein Paar mehr. Aber er wurde ein verlässlicherer Vater, nachdem niemand mehr seine Verantwortung übernahm.

Ein Jahr später zogen Emma und ich in eine kleine Wohnung nahe ihrer Schule. Wir kauften einen gebrauchten Kühlschrank. Emma malte ein Haus mit zwei Fenstern, einer Sonne und zwei lächelnden Figuren.

Darunter schrieb sie in krakeligen Buchstaben:

„Hier darf Mama sich ausruhen.“

Ich befestigte die Zeichnung an der Kühlschranktür.

Renate hatte behauptet, ich wolle auf Kosten ihres Sohnes leben.

Dabei hatte ich mit meiner Kündigung nur aufgehört, für zwei erwachsene Menschen kostenlos zu arbeiten.

 

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Odissea
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