Der Mann hinter dem Tresen des Juweliergeschäfts im Flughafen Zürich-Kloten lächelte verbindlich, während er den Ständer mit den Armbanduhren zur Seite schob. Sein Blick ruhte auf mir, als taxiere er den Schnitt meines Jacketts. „Darf es etwas Besonderes sein? Diese Patek Philippe – zwölftausend Franken. Eine Referenz. Aber unauffällig genug für jemanden mit Stil. Tragen Sie mal probehalber, ja?“
Ich legte meine Hand unwillkürlich auf die Brusttasche, unter der mein Reisepass steckte, und schüttelte den Kopf. Zwölftausend Franken. Das war fast so viel, wie ich im letzten halben Jahr verdient hatte, bevor der Auftrag in Basel platzte und ich die Rückflüge umbuchen musste. „Danke, ich schaue nur“, sagte ich und spürte, wie meine Stimme eine Spur zu hoch klang.
Der Verkäufer – Herr Krüger stand auf dem Namensschildchen, als ob ein deutscher Name dem Laden mehr Seriosität verleihen würde – nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. „Selbstverständlich. Lassen Sie sich Zeit. Wir haben auch Modelle ab fünftausend.“ Er wandte sich bereits einer Frau im Hosenanzug zu, die mit ihrem Hartschalenkoffer an den Glastresen getreten war.
Ich blieb noch einen Moment stehen, mehr aus Trotz als aus Interesse. Das Zifferblatt der Uhr schimmerte matt, das Lederarmband roch nach eben jenem Luxus, den man nicht beschreiben kann, ohne sich lächerlich zu machen. Ich kannte diesen Geruch. Vor fünf Jahren hatte ich in einem Ledersessel gesessen, die Beine übereinandergeschlagen, und Unterschriften unter Verträge gesetzt. Damals hätte ich die Uhr kaufen können, ohne mit der Wimper zu zucken. Jetzt zuckte ich, und zwar zusammenzucken.
Der Flug nach Hamburg war auf unbestimmte Zeit verschoben. Nebel über der Elbe, sagte die Anzeigetafel. Ich suchte mir einen Platz am Fenster, von dem aus ich die Startbahn sehen konnte, und versuchte, das flaue Gefühl im Magen zu ignorieren. Es war nicht der Hunger, obwohl ich seit dem Morgen nichts gegessen hatte. Es war dieser Stich, der jedes Mal kam, wenn ich an den Kontoauszug dachte, der auf meinem Handy wartete.
Vor mir saß ein älteres Paar, beide mit makellosen Daunenjacken und Kaffeebechern in der Hand. Sie sprachen leise, irgendetwas über den Golfplatz auf Gran Canaria, auf den sie sich freuten. Neben ihnen blätterte ein junger Mann in einer Zeitschrift, ein Kleinkind auf dem Schoß, das mit einem Stoffhasen spielte. Der Hase hatte ein abgekautes Ohr und einen losen Knopf am Bauch.
An der Stirnwand des Gates leuchtete eine weitere Leuchtreklame: Uhren, Schmuck, Accessoires. Zollfrei. Exklusiv. Ich starrte darauf, ohne wirklich hinzusehen, bis meine Tochter sich meldete. Sie hatte ein Foto von ihrem Schultheaterstück geschickt, ein verwackeltes Bild von einem Bühnenbild aus Pappmaschee, und darunter eine Sprachnachricht: „Papa, hast du den Rückflug schon? Onkel Stefan meint, du könntest dir das Stück ansehen, wenn du heute Abend landest. Er hat Karten reserviert. Bitte, bitte, bitte?“
Ich hörte die Nachricht dreimal ab, bevor ich antwortete. Der Klang ihrer Stimme, dieses Drängende, das jedes Kind an den Tag legt, wenn es etwas wirklich will, traf mich härter als jedes Preisschild. Ja, ich hatte den Rückflug. Nein, ich wusste nicht, ob es reichen würde. Wetter. Warteschleife.
Ein Mann in einem teuren Mantel ging am Juweliergeschäft vorbei, blieb stehen, wechselte ein paar Worte mit Herrn Krüger und verließ den Laden zwei Minuten später mit einer kleinen Tüte aus matt schwarzem Papier. Kein Zögern, kein Zucken. So einer kauft eine Uhr für zwölftausend Franken, wie ich ein Brötchen am Bäckerstand.
Ich zog meine eigene Uhr aus der Hosentasche. Einfaches Edelstahlmodell, 180 Franken vor drei Jahren, das Armband an den Rändern ausgefranst. Sie tickte noch. Sie zeigte die Zeit an. Sie war nicht schuld daran, dass der Auftrag in Basel zu einem Viertel des ursprünglichen Volumens geschrumpft war und ich die Hälfte des Honorars in Umbuchungsgebühren und Hotelstornierungen versenkt hatte.
Das Kind mit dem Hasen fing an zu quengeln. Der Vater legte die Zeitschrift weg, hob es hoch und summte eine Melodie, die ich von irgendwoher kannte. Ein schweizer Kinderlied. Der Junge beruhigte sich, den Kopf an der Schulter seines Vaters, die Augen halb geschlossen. Der Stoffhase baumelte.
Mein Blick fiel zurück auf die Anzeigetafel. Der Nebel lichtete sich, hieß es. Neues Boarding in circa 45 Minuten, voraussichtlich.
Ich stand auf und ging nicht zum Juwelier, sondern zum kleinen Kiosk ein paar Meter weiter. Zwischen Postkarten mit Matterhorn-Motiven und überteuerten Schokoladenpackungen stand ein Drehständer mit Plüschtieren. Ein Hase mit langen Ohren und einem blauen Halstuch, an dem ein Glöckchen hing, sah mich aus Knopfaugen an. Keine zwölftausend Franken, nicht einmal zwölf. Acht Franken fünfzig stand auf dem Preisschild. Ich nahm ihn mit zur Kasse.
Die Kassiererin lächelte müde und schob mir das Stofftier über den Scanner. „Für den Enkel?“
„Für die Tochter“, sagte ich. „Sie spielt Theater. Ein Stück über einen Hasen. Oder so ähnlich. Ich weiß es nicht genau. Aber ein Hase kann nicht schaden.“
Die Frau nickte, als hätte sie alles verstanden, und steckte den Hasen in eine Papiertüte. Ich kaufte noch eine Packung Gummibärchen dazu, für alle Fälle.
Zurück am Gate sah ich, wie die Frau im Hosenanzug am Juweliergeschäft vorbeiging, ohne etwas in den Händen zu halten. Herr Krüger räumte die Uhrenständer zurück ins Schaufenster. Sein Lächeln war jetzt das eines Mannes, der seinen Job macht, nicht mehr und nicht weniger. Ein Geschäft war kein Versprechen, und eine Uhr war ein Gegenstand.
Ich setzte mich wieder hin, den Hasen auf dem Schoß, und sah dem jungen Vater vor mir zu, wie er sein Kind in den Schlaf wiegte. Kein Wettbewerb, sondern eine Momentaufnahme. Jeder mit seinem Gepäck. Der eine ein Stoffhase, der andere eine Patek Philippe. Das ältere Paar mit den Golfplänen, der Mann im teuren Mantel, ich selbst mit meinen 180-Franken-Uhren und einem hoffentlich rechtzeitigen Anschluss. Wir alle warteten auf dasselbe Signal, das uns in den Himmel bringen würde.
Das Boarding begann eine halbe Stunde später. Ich reihte mich in die Schlange, die Tüte mit dem Hasen fest im Griff. Als ich am Juwelier vorbeiging, sah Herr Krüger auf und nickte mir zu. Ein Profi, kein Urteil im Gesicht. Ich nickte zurück.
Am Sitzplatz im Flieger, Reihe 23, Fenster, schnallte ich mich an und holte die Gummibärchen heraus. Der Hase lugte aus der Tüte, das Glöckchen an seinem Halstuch gab ein leises Klingeln von sich, als das Flugzeug auf die Startbahn rollte. Der Mann neben mir, der seine teure Uhr abgenommen und im Handgepäck verstaut hatte, warf einen kurzen Blick herüber und wandte sich dann seinem Tablet zu.
Der Druck der Beschleunigung presste mich in den Sitz. Das Fahrwerk hob vom Boden ab, und für einen Moment war alles Gewicht aufgehoben – die Rechnungen, die Umbuchungen, die platzenden Aufträge, die Uhren hinter Glas. Nicht für immer, aber für die Dauer des Steigflugs.
Ich schloss die Augen und hörte meine Tochter sagen: „Bitte, bitte, bitte?“
Der Hase in meiner Tüte war weich und neu und roch nach gar nichts außer Stoff. Er würde neben ihrem Kopfkissen liegen, heute Abend oder morgen früh, je nachdem, wann der Landeanflug begann. Das Glöckchen würde klingeln, wenn sie ihn nachts versehentlich anstupste.
Das genügte. Für jetzt. Für den Flug. Für den Moment.
