Ich war 45, als ich zum zweiten Mal heiratete – und ich wusste fast sofort, dass es ein Fehler war. Aber der Reihe nach.
Sieben Jahre lang hatte ich nach der Trennung von meinem ersten Mann allein in meinem Elternhaus in Gotha gelebt, und diese Ruhe war mein größter Schatz. Meine Tochter Lisa studierte in Leipzig Jura und kam nur noch alle paar Wochen heim. Meine Mutter wohnte damals ein paar Straßen weiter in dem kleinen Fachwerkhaus mit dem Wintergarten am Rand der Altstadt, in dem sie geboren war und in dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Meine Welt war die kleine Bäckerei „Backstube am Markt“, wo ich hinter der Theke stand, Brötchen reichte und wusste, wer sein Körnerbrötchen mit Butter wollte und wer den süßen Plunder liebte. Morgens um halb fünf begann der Ofen zu summen, und draußen roch die Straße nach Hefe und Zucker.
Meine Kollegin Regina, eine resolute Frau mit Turmfrisur, schob mir eines Tages eine Tüte Kaffeebohnen hin und meinte: „Sabine, du lebst ja wie eine Nonne. Da draußen steht ein Kerl, der jeden Tag bei uns Brot holt, nur um dich zu sehen. Der Frank Meier, du kennst ihn doch von früher? Der mit den schiefen Zähnen? Jetzt ist er geschieden und arbeitet bei der Spedition. Gib dem Mann eine Chance.“
Frank. Ja, ich erinnerte mich an ihn. Er war in der Schule zwei Jahre älter, saß hinter mir und zog ständig an meinen Zöpfen, bis ich sie eines Abends mit der Küchenschere abschnitt. Meine Mutter kicherte nur und brachte mich zum Friseur. Seitdem trug ich den gleichen, kurzen Haarschnitt. Und nun stand Frank fast täglich vor unserem Schaufenster, in sauberer Arbeitshose, und kaufte drei Brötchen, obwohl er allein wohnte. Einmal wartete er bei strömendem Regen nach meiner Schicht und brachte einen kaputten Regenschirm mit, unter dem wir uns beide dumm grinsend durch die Pfützen drückten. Er brachte meiner kranken Mutter Blumen, reparierte die lose Zaunlatte und erzählte von seinen Fernfahrten. Nach einem Jahr gab ich nach. Es fühlte sich an wie eine warme Decke an kalten Tagen – so leise und trügerisch, dass man nicht merkt, wie einem gleich die Luft ausgeht.
Meine Mutter starb drei Monate nach unserer standesamtlichen Trauung. Sie hinterließ mir das Fachwerkhaus mit dem Wintergarten, in dem ich als Kind im Garten Verstecken gespielt hatte. Der Verlust riss ein Loch in mich. Frank war mir in diesen Wochen ein Trost, nahm mich in den Arm, wenn ich weinte, und kochte Thüringer Klöße nach dem Rezept seiner Mutter, die aus Mühlhausen stammte und deren Küchenbuch ich noch heute in der Schublade habe. Ich vermietete das geerbte Haus an Familie Berger, ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern aus Erfurt, die es als Wochenenddomizil nutzten und die Miete stets pünktlich überwiesen. Die 800 Euro monatlich legte ich als Rücklage für Lisas Studium zurück, für die Zeit nach dem Bafög.
Eines Samstags im November stand Kevin vor unserer Tür. Franks Sohn aus erster Ehe. Ein 25-jähriger Riese mit einem verwaschenen Bandshirt und dem Geruch von kalten Pommes. „Mein Alter meinte, ich kann hier pennen, bis ich was finde“, brummte er und stapfte ohne zu fragen ins Wohnzimmer. Frank zuckte mit den Schultern. „Nur ein paar Tage. Der Junge hat Stress mit seiner Mutter.“
Aus den Tagen wurden Wochen, dann Monate. Kevin wälzte sich auf meinem Sofa, spielte Videospiele bis zum Morgengrauen und bescherte mir tägliche Fundstücke: leere Chipstüten unter den Kissen, Socken in der Obstschale und nasse Handtücher auf dem Parkettboden. Der Kühlschrank leerte sich wie von Geisterhand. Ich kaufte ein, putzte und kochte für drei, während Frank seinen Sohn mit Ausreden deckte. Meine kleine Oase verfiel – jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit ging, blieb ich kurz im Flur stehen und strich mit der Hand über die gerahmte Stickarbeit meiner Mutter, die dort seit meiner Kindheit hing: „Trautes Heim, Glück allein.“ Die Farbe war an den Rändern schon abgeblättert.
Eines Abends, nachdem ich zum vierten Mal die Spülmaschine eingeräumt hatte, platzte mir der Kragen. „Frank, so geht das nicht weiter. Dein Sohn ist erwachsen und tut nichts. Ich bin nicht das Rote Kreuz. Ab morgen kaufst du den Einkauf für ihn, und er sucht sich eine Arbeit.“
Frank saß am Küchentisch und las die Zeitung. „Jetzt hör aber auf, Sabine. Er braucht seine Zeit. Ich habe damals mein Haus verkauft und alles in diese Bude gesteckt. Ohne mich wärst du hier erfroren. Du bist mir was schuldig.“
„In diese Bude gesteckt?“, mir blieb die Luft weg. „Welches Geld? Die Tapeten im Flur habe ich bezahlt, das Laminat im Wohnzimmer auch. Die Fenster hat mein Vater vor Jahren eingebaut, und die Heizung lief schon, bevor du überhaupt eingezogen bist. Von deinem Hausverkauf habe ich nie einen Cent gesehen.“
Da schlug er mit der geballten Faust auf meinen massiven Eichentisch. Der Knall war so heftig, dass der silberne Kerzenständer meiner Großmutter umfiel und eine tiefe Delle in der Tischplatte hinterließ. Unser Kater Moritz, der auf dem Fensterbrett gedöst hatte, flüchtete mit gesträubtem Fell unter das Sofa. Frank beugte sich zu mir, sein Atem roch sauer. „Du vergisst, wer hier das Sagen hat. Kevin bleibt. Und wenn dir das nicht passt, räumen wir das Haus deiner Mutter leer und er zieht da mit seiner Freundin ein. Die Mieter fliegen raus.“
Ich spürte, wie meine Hände kalt wurden. Diese Art von Wut, das Drohen mit physischer Gewalt – das kannte ich von meinem ersten Mann, und ich hatte geschworen, das nie wieder zuzulassen. Ich atmete einmal tief durch und sagte leise: „Ich muss kurz was erledigen.“ Dann zog ich meine Jacke an und ging.
Draußen war es schon dunkel, die Straßenlaternen warfen trübe Kegel aufs Kopfsteinpflaster. Ich ging nicht zur Pizzeria, wie Frank vielleicht dachte, sondern direkt zum Haus meiner Mutter. Im Wintergarten brannte Licht, und ich sah durchs Fenster, wie die Bergers mit den Kindern Karten spielten. Auf mein Klingeln hin erschien Frau Berger, ihr Gesicht voller Wärme. „Frau Wagner! Kommen Sie rein, wir haben gerade Punsch gemacht.“ Ich hatte meinen Geburtsnamen nach der zweiten Heirat behalten – Frank hieß nur Frank, aber ich blieb Sabine Wagner, wie schon mein ganzes Leben.
Ich blieb im Flur stehen. „Frau Berger, ich muss Sie warnen. Mein Mann könnte hier auftauchen und Ihnen sagen, Sie müssten ausziehen. Tun Sie das nicht und lassen Sie ihn nicht ins Haus. Der Mietvertrag ist mit mir, und ich habe nicht vor, ihn zu kündigen.“
Frau Berger stockte. „Ach… er war heute Morgen schon hier. Wir dachten, Sie wüssten Bescheid. Er hat den Garten inspiziert und gesagt, dass sein Sohn bald heiratet und wir uns wohl eine andere Bleibe suchen müssten. Es täte ihm leid, aber so wäre die Familienplanung.“
Ein heißer Zorn stieg in mir hoch. „Das wusste ich nicht“, presste ich hervor. „Es tut mir leid für die Störung. Sie bleiben, egal was passiert.“
„Wir haben einen Sohn und einen Schwiegersohn im Haus, wissen Sie. Wenn Sie Hilfe brauchen… wir könnten ihn uns vorknöpfen“, bot Frau Berger mit einem entschlossenen Zug um den Mund an. Ich dankte ihr und lehnte ab. Das musste ich selbst durchziehen.
Als ich nach Hause kam, saßen Frank und Kevin im Wohnzimmer, die Playstation lief und auf dem Couchtisch türmten sich leere Bierflaschen. Keiner sah auf, als ich den Fernseher ausschaltete.
„Frank, Kevin, packt eure Sachen.“
Kevin zuckte nicht einmal zusammen. Frank hob den Kopf. „Was? Hast du die Mieter rausgeworfen? Na also, geht doch. Morgen streichen wir das Haus.“
„Nein, falsch verstanden“, sagte ich und verschränkte die Arme. „Ihr zieht jetzt aus. Ihr beide. Innerhalb der nächsten halben Stunde.“
Jetzt sprang Frank auf. „Bist du verrückt? Wohin sollen wir denn? Ich bin dein Mann! Ich hab hier Rechte!“
„Deine Rechte hast du vor einer Stunde mit dieser Faust verwirkt“, sagte ich und deutete auf die Delle im Tisch. „Du belügst mich, du bedrohst mich und du willst mein Eigentum an dich reißen. Das ist das Ende.“
Kevin warf den Controller aufs Sofa. „Papa, jetzt mach die Schlampe doch endlich ruhig!“
Ich sah ihn eisig an. „Noch so ein Wort, und ich rufe die Polizei. Die Wache ist nur drei Straßen weiter.“
Franks Miene wechselte von Empörung zu blanker Panik. „Sabi, bitte… ich hab doch nichts. Ich hab mein Haus für dich verkauft. Wo soll ich hin mitten in der Nacht? Ich war einfach nur gestresst wegen dem Jungen. Lass uns reden.“
„Es gibt nichts zu reden. Du hast mir mit Schlägen gedroht und vor meinen Mietern behauptet, das Haus meiner Mutter würde deinem Sohn gehören. Wer so etwas macht, hat in meinem Leben nichts verloren.“
Nach langem Geschrei, das die Nachbarn die Köpfe aus den Fenstern stecken ließ, packten sie hastig ihre Sachen in zwei große Reisetaschen. Um 23 Uhr fiel die Haustür hinter ihnen ins Schloss. Frank rief noch, er komme morgen wieder, um „Vernunft zu reden“. Ich antwortete nicht, sondern schloss das untere Schloss, von dem er nie einen Schlüssel besessen hatte.
In dieser Nacht schob ich einen Stuhl unter die Türklinke und schlief mit Moritz auf meinem Schoß. Am nächsten Morgen rief ich einen Schlüsseldienst und ließ für knapp 200 Euro alle drei Schlösser austauschen. Danach reichte ich die Scheidung beim Amtsgericht ein.
Frank tobte durch die Stadt, nannte mich eine berechnende Hexe, die ihn um sein Erbe betrogen hätte. Sein Anwalt forderte einen Zugewinnausgleich und Schadensersatz für die angeblichen Renovierungskosten. Doch mein Anwalt hatte die Rechnungen: Das gesamte Baumaterial für die Renovierungen der letzten zwei Jahre war von meinem Konto bezahlt worden. Und dann förderte er den Kontoauszug zu Franks Hausverkauf zu Tage: Der Erlös in Höhe von 62.500 Euro war innerhalb von zwei Wochen fast vollständig an ein Konto eines Rechtsanwalts in Kassel überwiesen worden.
Bei der Verhandlung platzte die Bombe. Franks Anwalt versuchte noch, die Überweisung als Investition zu erklären, aber mein Anwalt hatte die Akte von Franks erster Scheidung angefordert. Daraus ging hervor, dass er mit über 28.000 Euro Kindesunterhalt im Rückstand war und eine Erzwingungshaft drohte. Der Hausverkauf war einzig dazu genutzt worden, diese Schulden zu begleichen. Von einer Investition in mein Haus konnte keine Rede sein. Der Richter schloss die Akte mit einem müden Kopfschütteln.
Kevin brach danach jeden Kontakt zu seinem Vater ab, wie ich später von einer gemeinsamen Bekannten hörte. Frank zog irgendwann zu einem Bruder nach Hamburg und ward nicht mehr gesehen.
Heute ist Sonntag. Ich habe gerade den Hefeteig für einen Apfelstreuselkuchen angesetzt, denn Lisa kommt mit ihrem Verlobten zum Kaffee. Sie bringt mir immer eine Tüte von diesem besonderen Mehl aus der Mühle in Leipzig mit. Moritz liegt auf dem Küchenfensterbrett und blinzelt in die Morgensonne. Aus dem Nachbarhaus, dem meiner Mutter, höre ich Kinderlachen – die Bergers spielen im Wintergarten. Ich wische das Mehl von den Händen und fahre mit dem Daumen über die Kerbe im Holz, die Franks Faust hinterlassen hat. Das Mehl bleibt in der Vertiefung haften, ein dünner, blasser Strich. Dann klingelt es an der Tür.
