Die Kamera zeigte nur die erste Lüge

Felicitas’ Handfläche brannte noch, als das schwere Diamantcollier aus Katharinas Handtasche glitt und auf den hellen Marmorboden fiel. Im Foyer der alten Villa am Aarehang erstarb jedes Geräusch. Draußen strich der Oktoberwind um die Fenster, drinnen hielt niemand den Atem an.

Katharina stand reglos, die eine Hand an die pochende Wange gepresst. Ein roter Fleck breitete sich unter dem Ohr aus, dort, wo Felicitas sie getroffen hatte. In der anderen Hand hielt sie noch die Serviette, die sie vor dem Schlag vom Esstisch genommen hatte. An der offenen Tür zur Anrichte lehnte Johann, ihr Verlobter, und sah von seiner Schwester zu seiner Verlobten, als traute er keiner der beiden.

„Erkläre mir, wie das Collier meiner Großmutter in deine Tasche kommt.“ Felicitas’ Stimme schnitt durch die Stille. Sie war die Ältere, immer die, die bestimmte. Ihr Kostüm saß wie eine Rüstung, die Perlenkette spannte über dem Kragen. Neben ihr stand Herr Alder, der Sicherheitschef des Familienanwesens, und blickte betreten auf den Boden.

Das Collier lag auf einem schwarzen Samtbeutel, der aus der Tasche gerutscht war. Die Diamanten funkelten kalt, als hätten sie nie jemandem gehört. Katharina schüttelte stumm den Kopf. Sie brachte kein Wort heraus. Johann trat endlich vor, hob das Collier auf und legte es auf den Beistelltisch aus Nussbaum.

„Zeig uns die Aufnahmen“, sagte er zu Alder. „Das ganze Foyer, die letzten dreißig Minuten.“

Alder nickte, zog einen Tabletrechner heran und drehte den Bildschirm zur Gesellschaft. Die Gäste von der Abendgesellschaft, die noch im Salon warteten, hatten sich leise in den Türrahmen geschoben. Niemand wollte diese Demütigung verpassen.

Die Aufnahme lief mit Zeitstempel im unteren Eck. Man sah, wie Katharina einen Stapel schmutziger Teller in die Anrichte trug. Ihre braune Ledertasche stand halb offen neben der Servierkommode, genau dort, wo sie sie immer abstellte, wenn sie Johann am Wochenende half. Sie kam zurück, mit einem Krug Wasser, stellte ihn auf den Tisch und ging wieder, diesmal mit leeren Weingläsern.

Dann – die Szene, die alle erstarren ließ. Felicitas trat ins Bild. Sie sah sich kurz um, beugte sich über die Kommode und ließ das Collier in Katharinas Tasche gleiten. Die Bewegung war fließend, fast elegant. Danach strich sie sich die Frisur glatt und ging zurück zum Speisezimmer.

Katharina hörte auf zu atmen. Johann starrte seine Schwester an. Felicitas’ Gesicht war zu Stein geworden, nur die Nasenflügel bebten.

„Das hast du…“, begann Johann, doch in diesem Moment durchbrach ein scharfer Piepton die Stille. Das Sicherheitssystem der Villa sendete eine Meldung auf Alders Gerät. Der Sicherheitschef runzelte die Stirn, tippte und erbleichte.

„Der interne Tresorraum“, sagte er leise. „Jemand hat ihn heute Nacht geöffnet. Um 2 Uhr 41. Mit einem gültigen Code.“

Der Großmutter-Tresor. Vor achtzehn Jahren hatte ihn niemand mehr angerührt, weil der Code mit der Matriarchin gestorben war. So hieß es jedenfalls. Alle dachten, er sei für immer versiegelt.

Felicitas drehte sich zu Alder. „Das kann nicht sein. Niemand hat den Code. Niemand!“ Ihre Stimme war erstmals brüchig.

„Die Tresor-Kamera zeigt etwas anderes.“ Alder lud die zweite Datei. Das Bild wechselte zu einem kleinen, schummrigen Raum im Keller, beleuchtet nur von einer Notleuchte. Man sah die massive Tresortür mit dem alten Drehrad. Um 2 Uhr 40 schob sich eine Hand ins Bild, zittrig, mit einem hellen Muttermal auf dem Handrücken. Eine junge Frau trat aus dem Schatten – Luise, die jüngste Schwester, erst zweiundzwanzig, in einem viel zu weiten Morgenmantel. Sie tippte eine Zahlenkombination ein, sechs Ziffern, der Tresor öffnete sich mit einem dumpfen Klicken. Luise griff hinein, zog eine flache Schatulle heraus und öffnete sie. Das Collier funkelte. Sie steckte es in die Manteltasche, schloss den Tresor und verschwand.

Im Foyer sagte niemand etwas. Das Summen des Tablets war das einzige Geräusch.

Katharina sah von Felicitas zu Johann. Ihre Wange brannte noch immer, aber der Schmerz zog sich jetzt in die Brust. Felicitas hatte sie geschlagen, gedemütigt – und ihr die Schuld an einer Tat gegeben, die eine andere begangen hatte. Und Luise, die scheue Musikstudentin, die immer beteuerte, sie wolle nichts mit dem Erbe zu tun, war eine Diebin.

Plötzlich knirschten Schritte auf der Treppe. Luise kam die Stufen herunter, in Jeans und einem viel zu großen Pullover, die Haare wirr vom Schlaf. Sie blieb auf der dritten Stufe stehen, als sie die Gesichter sah. Alders Blick, Johanns zusammengepresste Lippen, Felicitas’ verzerrte Miene – und das Collier auf dem Tisch.

„Ihr wisst es“, flüsterte Luise.

Felicitas wirbelte herum. „Du! Das warst du? Hast du eine Vorstellung, was du… warum?“

Luise zuckte zusammen, dann brach es aus ihr heraus. „Weil ich Geld brauche! Für die Uni in London. Stipendium reicht nicht und du hast immer gesagt, das Erbe ist tabu, ich soll betteln gehen. Da dachte ich… Oma hätte es mir doch gegeben.“ Ihre Stimme wurde lauter, brach dann. „Ich habe das Collier vor zwei Tagen aus dem Tresor genommen und in Mamas alter Schmuckschatulle versteckt, weil ich noch keinen Käufer hatte. Ich hatte solche Angst, dass jemand etwas merkt.“

Felicitas starrte sie an, dann wanderte ihr Blick zum Tisch, zum Collier, zur Kameraaufnahme. Ihre Schultern sackten herab. „In der Schatulle… Ich habe es heute Morgen gefunden. Ich dachte, Katharina hätte es dort versteckt, um es später mitzunehmen. Deshalb habe ich es… in ihre Tasche gelegt.“ Sie sprach die Worte wie Glas, das sie im Mund zerkauen musste. „Ich wollte sie überführen und rauswerfen. Ich wollte, dass du sie endlich siehst, Johann. Aber ich hatte keine Ahnung, dass es Luise war. Keine Ahnung.“ Ihr letzter Satz war kaum mehr als ein Atemstoß.

Die Stille kehrte zurück, diesmal schwer wie Blei. Katharina spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, aber sie unterdrückte sie. Sie sah Johann an, der nicht mehr seine Schwester ansah, sondern sie. Mit einem Ruck, der alle elektrisierte, schob er den Tablettcomputer zur Seite, nahm Katharinas Hand und zog sie sanft von ihrer Wange fort. Der Fleck war jetzt violett angelaufen.

„Es tut mir so leid“, sagte er nur zu ihr, und dann lauter, in den Raum: „Wir gehen jetzt. Morgen holen wir unsere Sachen. Ich lasse nicht zu, dass du noch eine Nacht unter diesem Dach bleibst.“ Er blickte zu Felicitas, die ihn mit offenem Mund anstarrte. „Und du – rede nie wieder so mit ihr. Nie wieder.“ Er zog Katharina durch das Foyer, vorbei an den gelähmten Gästen und dem geduckten Alder.

Luise kam die Treppe hinunter, als wollte sie ihnen nachlaufen, blieb aber vor Felicitas stehen. „Es war nicht gegen Katharina. Ich schwöre, ich wusste nichts von deinem… Plan. Ich wollte nur mein Studium bezahlen.“ Dann rannte sie in den Salon, schluchzend.

Felicitas stand allein. Sie bückte sich, hob das Collier auf und wog es in der Hand. Die Edelsteine glitzerten, als hätten sie keinen Anteil an dem, was geschehen war. Draußen hörte man einen Motor anspringen und ein Auto die Kiesauffahrt hinunterrollen. Der Sicherheitschef schob leise das Tablet in seine Tasche und verließ den Raum. Die Gäste zogen sich in den Salon zurück, Gemurmel schwoll an.

Felicitas legte das Collier auf den Tisch zurück, setzte sich in den Sessel ihrer Mutter und starrte auf den schwarzen Samt. Die Hand, die vor einer halben Stunde noch zugeschlagen hatte, lag jetzt regungslos in ihrem Schoß. Im Sicherheitsmonitor flackerte noch das Standbild aus dem Keller: der offene Tresor, die Schatulle, der Schatten einer jungen Frau, die längst keine Unschuld mehr war.

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Odissea
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