Sie war irgendwann einfach aus der Reihenhaussiedlung verschwunden. Nicht, weil man sie schlecht behandelt hätte – der Napf war immer voll, das Körbchen weich. Aber dieses ewige Türenknallen, der Lärm, die fremden Hände, die nach ihr griffen … das war nichts für sie. Eines Nachts drückte sie sich durch ein gekipptes Kellerfenster und lief, bis der Asphalt unter den Pfoten zu weichem Moos wurde. So kam sie in den Mischwald nordöstlich von Bad Orb. Und blieb.
Die graue Katze – nichts Besonderes, kurzes Fell, ein zerrissenes Ohr – richtete sich in einer Höhle unter den Wurzeln einer umgestürzten Buche ein. Sie jagte Mäuse und Käfer, trank aus dem Bach und ließ sich von keinem Menschen mehr anfassen. Die Dorfhunde mied sie wie die Pest, und wenn doch mal ein Kater in ihr Revier eindrang, fuhr sie ihm mit solcher Wut über die Nase, dass er sich das zweimal überlegte. Sie redete nicht mal mit sich selbst. Sie war einfach da, eine stumme, graue Gestalt zwischen Farnen und Pilzen.
Eines Morgens – es muss Anfang September gewesen sein, die Luft roch schon nach Moder und kaltem Rauch – hörte sie ein Geräusch, das sie noch nie im Wald gehört hatte. Ein hohes, verzweifeltes Quieken. Es kam nicht von einem Vogel und nicht von einem kranken Fuchs. Es tönte wie … ein neugeborenes Lebewesen, das um sein Leben winselte.
Die Katze hob den Kopf, lauschte. Ihr erster Impuls war, sich tiefer unter die Wurzeln zu drücken und abzuwarten. Was hatte sie mit fremden Geschöpfen zu schaffen? Aber das Quieken riss so jämmerlich an ihr, dass sie leise fluchend – ja, sie zischte tatsächlich etwas, das wie ein Katzenfluch klang – unter dem Baum hervorkroch und dem Geräusch folgte.
Hinter einem Haufen Reisig, halb versteckt in einer Mulde, lag ein winziges Tier. Schwarzgrau, mit noch blauen Augen, die kaum offen waren. Es zitterte am ganzen Leib und streckte ihr tapsige Pfoten entgegen, als sie sich vorsichtig näherte. Die Katze sog die Luft ein, und ihr Nackenfell stellte sich auf wie eine Bürste. Hund. Dieser Geruch war unverkennbar: junger Hund, warme Milch, ein Hauch von Wild. Jeder Nerv in ihr schrie: Weg hier! Aber das Kleine wimmerte noch lauter, rollte sich halb auf den Rücken und leckte sich mit einer ratlosen Bewegung über die Nase, und in diesem Moment brach etwas in der grauen Einzelgängerin auf. Vielleicht war es eine längst vergessene Erinnerung an einen Wurf, den sie selbst nie gehabt hatte. Vielleicht einfach nur Mitleid.
„Na gut“, dachte sie – ohne Worte, aber mit einer Art mürrischem Seufzen – und packte das Fellknäuel vorsichtig im Nacken. Es war leichter, als sie erwartet hatte. Sie trug es den ganzen Weg zurück zu ihrer Buchenwurzelhöhle, legte es auf das trockene Laub und begann, es mit ihrer rauen Zunge zu putzen, bis das Zittern nachließ.
Von diesem Tag an war die Katze nicht mehr allein. Der Welpe – sie nannte ihn in Gedanken nur „der Zwerg“ – wuchs so schnell, dass ihr die eigene Jagd bald nicht mehr reichte. Sie fing jetzt doppelt so viele Mäuse, scheuchte Jungvögel auf, die zu unvorsichtig den Boden berührten, und legte dem Zwerg das zuckende Futter direkt vor die Nase, bis er lernte, selbst zuzupacken. Nach ein paar Monaten führte sie ihn durch den Wald, zeigte ihm, wie man lautlos über den Waldboden schlich, sich gegen den Wind anpirschte und die Witterung aufnahm. Der Zwerg war unbeholfen, plump und unendlich anhänglich. Wenn er vor Freude jaulte, weil sie von der Jagd zurückkam, drückte er sie fast zu Boden und leckte ihr mit einer Zunge, die schon viel zu groß für seinen Fang war, quer übers Gesicht. Die Katze fauchte und boxte ihm mit der Pfote gegen die Schnauze – mehr aus Prinzip als aus echtem Ärger. In Wirklichkeit wartete sie längst auf dieses alberne Begrüßungsritual.
Zwei Jahre vergingen. Der Zwerg hatte sie mittlerweile um ein Vielfaches überholt. Sein Rücken reichte ihr bis zur Schulter, die Pfoten waren tellergroß und das Fell dunkler geworden, beinahe schwarz am Widerrist. Die Katze bemerkte das alles nicht wirklich. Sie sah in ihm immer noch den tapsigen Welpen, den man an der Nase herumführen musste. „Mein nerviger Hund“, grollte sie leise, wenn er ihr mal wieder begeistert durchs Unterholz folgte und dabei jedes scheue Reh auf hundert Meter verscheuchte. Aber zugleich schlief sie nachts eingerollt an seiner Flanke, und wenn sie träumte, zuckten ihre Schnurrhaare im Takt seines Atems.
An einem kühlen Novembermorgen, als der Raureif noch auf den Gräsern lag, entschloss sich die Katze zu einem Ausflug. Sie wollte dem Zwerg eine Freude machen – er fraß für sein Leben gern die knusprigen Hühnerkarkassen, die es manchmal hinter dem Restaurant am Waldrand bei den Abfallcontainern gab. Sie selbst brauchte so etwas nicht, aber seine Begeisterung, wenn er einen dieser Knochen zwischen die Zähne bekam, war es ihr wert. Also trottete sie allein den matschigen Hang hinab, überquerte die Straße und sprang auf den Rand des großen Müllplatzes hinter dem „Waldhof“.
Es dämmerte bereits. Die Container warfen lange Schatten, und der Geruch von altem Frittierfett und verdorbenem Fleisch hing schwer in der Luft. Die Katze konzentrierte sich auf den offenen Behälter ganz hinten, wo gestern Abend eine ganze Entenbrust hineingewandert sein musste – sie hatte es vom Waldrand aus beobachtet. Sie stocherte mit der Pfote im Abfall herum, als sie ein tiefes, kehliges Knurren hörte.
Nicht ein Hund – vier. Vielleicht fünf.
Sie ließ die Beute fallen und fuhr herum. Eine Meute verwilderter Hunde, ausgemergelte Gestalten mit gelben Zähnen und vernarbten Fellen, hatte sich hinter ihr aufgebaut. Ein großer schwarzer Rüde mit einem halb abgerissenen Ohr stand an der Spitze. Seine Lefzen zuckten hoch, ein Speichelfaden troff zu Boden. Er bellte nicht. Er wartete nur. Die Katze kannte diese Stille – es war die Stille vor dem ersten Zuschnappen.
Sie schoss los. Unter den nächsten Container, durch die Ritze zweier übereinander gestapelter Paletten, dann mit einem verzweifelten Satz auf den nächsten Müllcontainer. Die Hunde folgten ihr lautlos, geschmeidig, verteilten sich wie eine geübte Treiberkette. Die Katze spürte, wie ihr Herz gegen die Rippen hämmerte, ihre Lungen brannten, der Gestank von Rost und Angst legte sich auf ihre Zunge. Am liebsten hätte sie losgebrüllt.
Aber in ihrem Kopf war kein Platz für Panik. Da war nur ein Bild: der Zwerg, allein unter der Buchenwurzel, wartend. Stunde um Stunde, bis es Nacht wurde und er vielleicht aufstehen und sie suchen würde, um dann nie zu finden. Niemand würde ihm jemals wieder eine Maus vor die Nase legen. Niemand würde ihn anknurren, wenn er zu wild bellte. Er würde verhungern, irgendwo im kalten Laub, ohne zu verstehen, warum sie nicht kam.
Die Katze erreichte die hinterste Ecke des Platzes, wo drei Container eng beieinander standen. Eine Sackgasse. Sie hatte keine Luft mehr, ihre Pfoten zitterten. Der schwarze Rüde zog die Lefzen zu einem Grinsen hoch, die anderen rückten langsam näher, einer knurrte leise, fast erwartungsvoll.
Da heulte die Katze auf. Ein durchdringender, langgezogener Ton, der ihr selbst fremd war – nicht fauchend, nicht jammernd, sondern ein einziges, verzweifeltes Rufen nach dem einzigen Wesen, das sie jemals bei sich geduldet hatte.
Die Hunde sprangen an.
Und in derselben Sekunde zerfetzte ein Gebrüll die Luft, so gewaltig, dass der Müllcontainer neben der Katze schepperte. Ein Schatten, massig wie ein ausgewachsener Rehbock, brach seitlich aus der Dunkelheit hervor. Der erste Hund – der Schwarze – wurde einfach umgeworfen, ein ungläubiges Jaulen, dann ein dumpfer Schlag, und plötzlich war da Blut auf dem Asphalt, so viel, dass die anderen Tiere stoppten. Was auch immer da zwischen ihnen stand, es bewegte sich schneller, als die Katze folgen konnte. Ein zweiter Hund schrie auf, versuchte zu fliehen, wurde aber am Hinterlauf gepackt und gegen die Paletten geschleudert. Die übrigen stoben auseinander, winselnd, sich überschlagend, Schwänze zwischen die Beine geklemmt.
Dann war es still. Nur ein schweres, tiefes Atmen. Die Katze stand völlig reglos, jedes Härchen gesträubt, und starrte auf die riesige Gestalt, die sich jetzt langsam umdrehte.
Die Schnauze war blutverschmiert, die Augen bernsteinfarben und lebendig und so unendlich vertraut. Das dichte dunkle Fell, der breite Brustkorb, die viel zu großen Pfoten – sie kannte diesen Körper, sie kannte diesen Geruch unter all dem Blut und dem Adrenalin. Sie hatte ihn Tag für Tag an ihrer Seite gehabt.
Der Wolf – denn das war er, ein gewaltiger, muskelbepackter Wolf, den sie vor zwei Jahren ahnungslos als hilflosen Welpen in ihre Höhle geschleppt hatte – senkte den Kopf und gab einen leisen, zitternden Fiepton von sich, der so gar nicht zu seiner blutigen Erscheinung passte. Seine Rute begann leicht zu wedeln, unsicher, fast entschuldigend.
Die graue Katze stieß ein kurzes Zischen aus, mehr aus alter Gewohnheit. Dann machte sie einen kleinen, tapsigen Schritt, dann noch einen. Sie stieß ihren Kopf gegen sein massives Vorderbein, rieb ihre Wange an dem Fell, das noch nach Wurzelerde und Laub roch, und begann leise zu schnurren. Ein gebrochenes, raues Schnurren, als wäre die Mechanik lange nicht benutzt worden.
Der Wolf winselte, legte sich vorsichtig hin und schob seine blutige Nase unter ihren Bauch. Seine ungeschlachte Zunge fuhr ihr einmal quer über das Gesicht – und diesmal fauchte die Katze nicht.
