Platz für jemand anderen

„Wie lange, Felix?“ – „Eine Woche.“ Der junge Arzt senkte den Blick und presste die Fäuste unter dem Tisch zusammen. Die Hilflosigkeit lastete wie eine Granitplatte auf ihm. Diese verdammte Hilflosigkeit, die er mit jeder Faser seines Wesens hasste, mit jedem Stück seines von eiserner Routine ummantelten Herzens. Einem Herzen, von dem bei jedem solchen Urteilsspruch ein winziger Splitter abbrach und eine gähnende, von einer Eiskruste überzogene Leere zurückließ.

„Ach was, Felix, mach dir keine Gedanken“, der alte Mann erhob sich müde von der Liege und lächelte warm, während er die Manschetten seines Hemdes schloss. „Ich habe mein Leben gelebt, gräm dich nicht.“

„Jakob Bergmann, soll ich Ihre Kinder benachrichtigen? Sie können doch jetzt mit so einer Nachricht nicht allein…“

„Gibt keine Kinder, Felix. Niemanden gibt es. Mach dir keine Vorwürfe, junger Doktor, es ist nicht deine Schuld. Jedem von uns ist seine Zeit zugemessen, und meine ist wohl gekommen. Macht nichts, macht nichts… Eine Woche ist viel. In einer Woche kann man noch so vieles erledigen…“

Der Mann nahm seine abgewetzte lederne Aktentasche und verließ leise das Sprechzimmer. Das dumpfe Schlurfen seiner Schritte hallte wie ein Gongschlag im Kopf des Arztes wider.

„Verdammt noch mal!“, Felix sprang auf und rannte dem Patienten hinterher. „Herr Bergmann! Herr Bergmann, warten Sie. Bitte warten Sie. Ich…“

Der junge Arzt wusste selbst nicht, was er sagen wollte. Nur gehen lassen konnte er den alten Mann, dem er soeben unwissentlich das Todesurteil verkündet hatte, einfach nicht.

„Herr Bergmann, wissen Sie was… Setzen Sie sich. Ja, genau hier! Und warten Sie bitte fünf Minuten. Ich bin gleich zurück, Sie sind mein letzter Patient heute. Ich hole nur meine Sachen und schließe die Praxis ab. Bitte warten Sie.“

Er setzte den Mann auf die Bank im Flur, schlüpfte zurück ins Zimmer, riss den Kittel vom Haken und wählte die Nummer seiner Frau. Um Himmels willen, was tat er da? Der Alte hatte doch recht, hundertmal recht. Es war nicht seine Schuld. Aber… „Niemanden gibt es, Felix…“

„Felix?“, die vertraute Stimme seiner Frau unterbrach das monotone Freizeichen.

„Anna-Lena, ich…“

Wie sollte er ihr erklären, dass er einen völlig fremden, todkranken alten Mann mit nach Hause bringen wollte? In ihre winzige Zweizimmerwohnung in Freiburgs Altstadt, wo sie zu zweit schon kaum Platz hatten? Er selbst hatte sie doch immer ausgebremst, wenn sie jemanden aufgabeln wollte. Und sie hatte nur einmal einen streunenden Hund von der Straße geholt. Irgendein Herzloses hatte den alten Terrier einfach am Bahnhof ausgesetzt. Er hatte damals eine halbe Stunde lang über Platzmangel und Verantwortung geschimpft, und sie hatte ihm einfach nur zugehört, ihn umarmt und gesagt: „Ach was, Felix, wir rücken ein bisschen zusammen.“ Und dann war sie in die winzige Küche getänzelt, unter dem verliebten Blick des Hundes, und hatte Tee gekocht. Er konnte ihr nichts abschlagen. Sie hatte so ein unbeschreiblich gutes Herz. Wie dieser alte Terrier ausgerechnet ihr über den Weg laufen musste. Jeder andere wäre vorbeigegangen, sie nicht. Und jetzt konnte er Herrn Bergmann auch nicht einfach vor die Tür setzen. Nur war Herr Bergmann eben kein kleiner Hund.

„Felix, warum sagst du nichts? Ist was passiert?“

„Anna-Lena, sei mir bitte nicht böse. Ich komme heute nicht allein… Ist das okay?“

„Was für eine Frage! Natürlich ist das okay! Kommt einfach schnell, ich koche uns was!“

Und tatsächlich, sie fanden Platz. Wovor hatte er sich eigentlich so gefürchtet? Jeder bekam sein Fleckchen in der kleinen Wohnung: Anna-Lena und Felix, der alte Terrier Oskar und der hagere Jakob Bergmann. Mit den beiden wurde es sogar noch gemütlicher. Der alte Herr war von einer so herzlichen, altmodischen Galanterie, dass Anna-Lena sich spontan Urlaub nahm. Sie sagte ihrer Chefin, ihr Großvater sei zu Besuch gekommen. So verbrachten der alte Mann und die junge Frau die Tage zusammen, während Felix in der Klinik arbeitete. Morgens schlenderten sie am Dreisamufer entlang und fütterten die Enten, mittags schauten sie gemeinsam das Mittagsjournal und kraulten Oskar hinter den Ohren. Abends, wenn Felix nach Hause kam, saßen sie alle drei am Esstisch, aßen Abendbrot und führten lange Gespräche, untermalt vom zufriedenen Schnarchen des Hundes.

So verging eine Woche. Dann die zweite. Anna-Lena ging wieder arbeiten. Oskars stumpfes Fell glänzte vom guten Futter, und Jakob Bergmann lebte immer noch. Felix wurde unruhig. Hatte er sich geirrt? Bestand doch noch eine Chance? Er dachte sogar über ein Konsil mit den Kollegen der Uniklinik nach. Aber Anna-Lena hielt ihn zurück. Sie sah den alten Mann an, auf dessen eingefallener Brust Oskar gerade mit seinen Pfoten einen Schlafplatz knetete, und sagte: „Lass es. Lass ihm seine letzten Tage voller Glück. Rühr nicht daran.“

Es war ein Samstag. Ein herrlicher, sonnendurchfluteter Samstag im späten September. Die Grillen zirpten noch einmal mit aller Kraft, als die drei auf einer Bank im Stadtgarten saßen. Herr Bergmann erzählte mit leiser Stimme von seiner Jugend in Leipzig, Felix blinzelte zufrieden in die warme Herbstsonne, und Anna-Lena bekam plötzlich Lust auf Zimtwaffeln. Also ging sie zum nächsten Bäcker am Rand des Parks. Sie blieb lange weg. Felix und Herr Bergmann wollten schon nach ihr suchen, als sie endlich um die Ecke bog – in der einen Hand eine Tüte Waffeln, hinter ihr auf wackligen Beinen ein winziger Welpe. Ein tapsiger schwarzer Fellhaufen, der ihr hartnäckig folgte und leise jaulte.

Felix und Herr Bergmann erstarrten. Anna-Lena hob das Hündchen vorsichtig auf den Arm und sah die beiden mit einem Blick an, der halb aus Trotz und halb aus Verzweiflung bestand.

Herr Bergmann fand als Erster die Sprache wieder: „Mädel, um Himmels willen, wo hast du den denn gefunden?“

„Hinter dem Mülleimer. Da stand ein Karton, und er war das letzte Junge, das noch drin saß. Alle sind vorbeigegangen, haben kurz reingeschaut und sind weiter. Aber er war so winzig, sein Fiepen hat mir das Herz gebrochen. Da hab ich ihn…“

„Anna-Lena, wo soll das hinführen? Schau dir seine Pfoten an, der wird riesig! Der braucht Platz ohne Ende, was machst du nur?“

„Felix, bitte, schimpf nicht. Nur für ein paar Wochen. Ich finde ein Zuhause für ihn, versprochen. Ein richtiges Zuhause, mit einem großen Garten. Aber solange kann er doch bei uns bleiben, oder? Er ist noch so klein. Wir passen doch irgendwie rein?“

Felix holte tief Luft und sah, wie die Augen seiner Frau feucht wurden und das Zittern ihrer Lippen.

„Wir passen rein, Anna-Lena. Irgendwie passen wir alle rein. Vor allem in dein Herz passen sie alle rein. Also passt er auch bei uns rein. Aber wer kümmert sich tagsüber um ihn, wenn wir beide arbeiten?“

„Na, ich doch!“, meldete sich Herr Bergmann leise und lächelte. „Das ist mir ein Vergnügen. Wir gehen dann zu dritt Gassi, der Oskar, der Kleine und ich. Morgens an den Fluss und abends einmal um den Block. Was meinst du, kleiner Mann?“

Der Welpe leckte ihm als Antwort über die faltige Hand.

So wurden sie zu fünft in der kleinen Altbauwohnung. Anna-Lena und Felix, Jakob Bergmann, der alte Oskar und der tapsige Welpe, den sie Waldemar tauften, kurz Waldi. Während die jungen Leute arbeiteten, wurden Herr Bergmann und Oskar zu den geduldigsten Zieheltern für das Junge. Sie führten ihn raus, versteckten in letzter Sekunde die Schuhe vor seinen Milchzähnen und brachten ihm mit einer Mischung aus liebevoller Strenge und Leberwurstbelohnung die ersten Manieren bei. Wenn Felix und Anna-Lena abends nach Hause kamen, bot sich ihnen immer dasselbe Bild: eine rasende schwarze Fellrakete, die im Flur auf dem Parkett die Kurve nicht kriegte, und direkt dahinter ein zufrieden grinsender Oskar, während der alte Herr Bergmann im Sessel saß und das Spektakel mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht beobachtete.

Jakob Bergmann schaute und dachte. Er dachte darüber nach, wie ungerecht das Schicksal war, solche Herzensgüte erst am Ende seines Lebens erfahren zu dürfen. Er dachte an ihre Herzen, die Herzen von Anna-Lena und Felix. Keine normalen Herzen, sondern weite, heiße, große Herzen, in denen für jeden ein Platz war. Für einen alten, ausrangierten Hund. Für einen tollpatschigen Welpen. Und sogar für ihn, einen fremden, sterbenskranken Alten. Eine Kostbarkeit, solche Menschen. So selten heute. Man müsste sie in Watte packen. Nur die Zeit, die ihm noch blieb, war so erbärmlich kurz. Waldi wuchs und wuchs, und Anna-Lena wurde jeden Tag ein bisschen trauriger. Sie vergrub ihr Gesicht oft minutenlang im Nackenfell des Junghundes, als hätte sie Angst, ihn loszulassen. Aber für eine gute Sache braucht man nicht viel Zeit, dachte der alte Mann. Und wenn es vollbracht ist, stirbt es sich leichter. Nur noch ein bisschen durchhalten, das alte Herz da drinnen zog und stolperte ja schon.

Anna-Lena kam an diesem Tag als erste nach Hause. Sie kraulte dem freudig jaulenden Waldi kurz das Kinn und strich Oskar über den Kopf, dann blieb sie verwundert stehen. Jakob Bergmann war nirgends zu sehen. Nicht in der Küche, nicht im Wohnzimmer. Sogar auf dem Mini-Balkon schaute sie nach – vielleicht wollte der alte Herr ja ein bisschen frische Luft schnappen. Aber der Balkon war leer. Wo konnte er an einem kühlen Oktoberabend nur hin sein?

Eine Stunde später kam Felix heim. Herr Bergmann blieb verschwunden. Sie suchten den Hof ab, liefen den Weg zum Stadtgarten zurück, fragten in den umliegenden Geschäften. Sie riefen bei der Polizei und in allen Krankenhäusern im Umkreis an. Nichts. Der alte Mann schien wie vom Erdboden verschluckt. Auch nach einer Woche fehlte jede Spur von ihm. Nach zwei Wochen ebenfalls. Die Besorgnis wich einer dumpfen, ratlosen Trauer.

Knapp vier Wochen später fand Anna-Lena beim Leeren des Briefkastens einen schweren, cremefarbenen Umschlag mit einer kunstvoll geprägten Kanzleiadresse. Das Schreiben darin war eine formelle Benachrichtigung eines alteingesessenen Notariats in der Kaiser-Joseph-Straße. Der Termin war für den nächsten Morgen angesetzt, das Erscheinen der Eheleute Brenner wurde ausdrücklich erbeten.

Völlig verwirrt fanden sich die beiden am nächsten Tag in einem mit Mahagoni-Holz getäfelten Büro wieder. Ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und einem erstaunlich warmherzigen Lächeln reichte ihnen einen schweren Schlüsselbund, dazu einen weiteren, mit einer Samtschleife zusammengehaltenen Umschlag. Er bat sie, diesen erst zu öffnen, wenn sie am Ziel seien, umarmte beide zur Verabschiedung, als wären sie alte Freunde, und rief ihnen ein Taxi an eine ihnen unbekannte Adresse am Rande des Schwarzwalds.

„Das ist ja ein Schloss!“

Anna-Lena stieg aus dem Wagen und starrte mit offenem Mund auf das riesige, efeubewachsene Landhaus mit den markanten Türmchen, die in den stahlblauen Novemberhimmel ragten. Ein alter Natursteinzaun, riesige Kastanienbäume und eine weite, saftige Wiese, auf der sich der erste Raureif funkelnd in den Halmen verfing.

„Anna-Lena“, Felix zupfte sie am Ärmel. Er wischte sich mit einer schnellen, fast groben Bewegung über die Augen und hielt ihr den geöffneten Umschlag hin. Seine Hand zitterte.

„Felix, was hast du?“

„Weißt du, du musst dir keine Sorgen mehr machen, dass wir Waldi weggeben müssen, ja? Und auch nicht um die streunenden Katzen, die du seit Wochen heimlich an der Hintertür fütterst. Keine Sorgen mehr, nie wieder. Versprochen?“

„Wie soll ich mir keine Sorgen machen? Waldi ist jetzt schon ein Pony, der braucht einen Riesengarten. Und die Katzen, es wird Winter. Sie erfrieren auf der Straße, wenn…“ Ihre Stimme brach. „Und bei uns ist einfach kein Platz mehr im Flur, Felix. Nicht mal für einen Katzenkorb.“

„Anna-Lena, Platz ist kein Thema mehr. Gar keines.“ Felix zog sie fest an sich und sah mit einem seltsamen, schmerzhaften Hoffnungsschimmer hinauf in den Himmel, an dem sich Federwolken wie Pinselstriche ausbreiteten.

Das Blatt, das seiner Hand entglitten war, trudelte wie ein Ahornsamen auf die nasse Wiese. Anna-Lena bückte sich danach. Ihre Augen flogen über die ruhige, gestochen scharfe Handschrift, die in säuberlichen blauen Tintenzeilen die wenigen Sätze formte:

„Meine lieben Kinder,

Möge es in Eurem neuen Zuhause, genau wie in Euren Herzen, immer genug Platz für jemand anderen geben. All die Jahre hatte ich nicht den Mut dazu. Ihr habt ihn mir geschenkt, als es eigentlich schon zu spät war. Jetzt seid Ihr dran. Passt gut aufeinander auf. Und auf alle, die noch kommen werden.

In tiefer Dankbarkeit,

Euer Jakob Bergmann“

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