Die achte Nacht. Katharina saß in der Küche ihrer Schwester in Lüneburg und starrte auf den erkalteten Kamillentee. Geschlafen hatte sie kaum, nicht eine Stunde am Stück, seit diesem Satz. Einem einzigen Satz, gefallen im Flur des Amtsgerichts, ausgesprochen von Markus, ihrem Noch-Ehemann, während er seine Krawatte richtete: „Den Hund kriege ich auch.“
Martina saß ihr gegenüber und sortierte Saatgut fürs nächste Frühjahr. Erbsen in ein kleines braunes Tütchen, Bohnen in ein anderes. Das leise Rieseln war das einzige Geräusch.
„Du musst ins Bett, Kathi. Du siehst aus wie ein Gespenst.“
„Kann nicht.“
„Dann denk nicht dran.“
„Wie soll ich nicht dran denken?“
Martina legte die Tüte beiseite. Nahm die Brille ab und sah ihre Schwester mit diesem festen, ruhigen Blick an, den nur ältere Schwestern haben.
„Dann soll er ersticken. An dem Hund, an seiner Neuen, an allem. Du bist hier. Du lebst. Du atmest. Das zählt.“
Katharina nickte. Draußen vor dem Fenster rauschte ein kalter Novemberwind und wirbelte das letzte Laub von den Apfelbäumen. Sie weinte nicht. Sie hatte damals im Gericht nicht geweint, nicht, als Markus vor drei Monaten beim Frühstück so beiläufig von Sabine erzählt hatte, nicht, als sie zwei Koffer packte und den Schlüssel auf die Kommode legte. In ihrem Inneren war alles flach und betoniert gewesen.
Aber dieser Satz. Drei Worte nur. Die hatten diesen Beton aufgebrochen, weil da so eine Gemeinheit drinsteckte, so ein berechnender, kalter Stich, dass ihr einfach nichts einfiel. Sie hatte nur ihre Handtasche genommen und war gegangen. Hinter ihr Markus' Stimme, die irgendwas von der Aufteilung des Hausrats murmelte, geschäftsmäßig, als ginge es um eine kaputte Waschmaschine.
Balu hatte sie vor neun Jahren gefunden. Damals fuhren sie von Markus' Mutter zurück, über eine schmale Landstraße irgendwo im Wendland. Sie war am Steuer, er döste. Und dann, auf einem Feldweg, eine Kiste. Einfach so. Karton von einem Discounter, aufgeweicht vom Regen.
Sie bremste.
„Was ist?“, murmelte Markus.
„Da ist was. In der Kiste.“
„Ein Fuchs oder so. Fahr weiter.“
Sie fuhr nicht weiter. Stieg aus. Nieselregen, der sich wie ein feiner Film auf alles legte. In der Kiste, auf einem alten, dreckigen Handtuch, lag ein winziger, zitternder Welpe. Hellbraun, mit einem rosa Näschen, nicht größer als ihre Handfläche. Völlig durchnässt. Allein.
Sie wickelte ihn in ihren Schal und trug ihn zum Auto. Markus rümpfte die Nase.
„Dein Hund, nicht meiner. Nur damit das klar ist.“
„Meiner“, sagte sie leise.
Zu Hause päppelte sie ihn auf. Zog ihn mit einer Pipette und lauwarmer Ziegenmilch groß, stellte sich nachts den Wecker, alle zwei Stunden. Die erste Woche quengelte der Kleine nur und vergrub seine Nase in ihrer Halsbeuge. Sie legte ihm eine alte Fleecedecke in eine Kiste neben ihr Bett und wachte bei jedem Fiepsen auf. Die Nachbarin, eine pensionierte Tierarzthelferin, kam täglich vorbei und brachte Aufbauspritzen mit.
„Du hast ja noch mal ein Baby bekommen“, hatte Martina damals am Telefon gesagt und gelacht. „Mit Ende Vierzig.“
Und Katharina hatte auch gelacht. Es stimmte ja. Es fühlte sich gut an.
Balu wurde ein großer, zotteliger Hund mit bernsteinfarbenen Augen. Er schlief auf ihrer Seite des Bettes, immer einen Kopf auf ihren Hausschuhen. Markus ging an ihm vorbei, als wäre er Luft, aber manchmal, ganz heimlich, kraulte er ihn hinter dem Ohr. Die Pipette lag noch immer in einer Schublade.
Neun Tage bei Martina vergingen wie ein Nebelfeld. Katharina half beim Heckenschnitt, machte Eintöpfe, kaufte im Hofladen Brot und Eier. Und dachte. Dachte ununterbrochen an Balu. Ob er fraß. Ob Markus wusste, dass er morgens seine Schonkost brauchte, pünktlich um sieben, mit den zerkleinerten Karotten und dem Tropfen Lebertran. Ob jemand an das quietschende Stoffschwein dachte, ohne das er nicht einschlief.
Sie rief nicht an. Der Stolz saß wie ein Stahlband um ihre Brust.
Martina fragte nicht. Stellte nur Tee hin. Schwieg. Nur manchmal, beim Abwasch oder beim Apfelpflücken, sagte sie so einen Satz, der wie ein Pflaster war.
„Soll er doch sehen, wo er bleibt, der feine Herr.“
„Ja.“
„Weißt du doch. Aber dein Gesicht sieht trotzdem aus wie drei Tage Regenwetter.“
„Geht vorbei.“
Von Sabine hatte sie im Frühjahr erfahren. Durch Zufall, im Supermarkt an der Kasse, als die Frau eines Kollegen sie sah und so komisch zur Seite schaute. Katharina wusste in zwei Sekunden Bescheid. Fuhr heim, kochte eine Suppe, stellte sie auf den Tisch. Fragte ihn direkt, ohne Schärfe, nur so: „Wer ist Sabine?“
Und Markus hatte geschwiegen. Lange. Hatte dann genickt. Hatte „Es tut mir leid“ gesagt. Und das war’s. Alles, was nach vierundzwanzig Jahren Ehe übrig blieb. Ein „Es tut mir leid“.
Sie hatte in alles eingewilligt. Das Haus gehörte ihm überschrieben, die Werkstatt ihm, das Waldgrundstück der Schwiegermutter. Sie würde gehen mit zwei Koffern und Balu. Balu war nie Thema. Das war völlig klar.
Bis zu diesem Satz im Gerichtsflur.
Katharina hatte alles unterschrieben, war fertig, wollte nur noch raus. Und Markus, im Vorbeigehen, leise, fast zärtlich: „Den Hund kriege ich auch. Steht auf meinen Namen. Alle Papiere. Probier’s doch.“
Er sah sie nicht an dabei. Schaute aus dem Fenster, auf den Parkplatz. Da wusste sie: Es geht ihm nicht um den Hund. Es geht ihm darum, dass sie so leicht losließ. Und diese Leichtigkeit verzieh er ihr nicht. Also nahm er ihr das einzige Lebendige, das sie noch hatte, um zu beweisen, dass er der Stärkere war.
Am selben Nachmittag holte er Balu ab.
Am neunten Tag rief Frau Kröger an, die alte Nachbarin aus ihrer Straße in Hannover. Katharina ging ran, auf dem Weg zum Kompost.
„Katharina, Kind, setz dich mal hin.“
„Stehe, Frau Kröger. Was gibt’s?“
„Setz dich. Bei euch im Haus ist was los. Drei Nächte lang so ein Jaulen aus eurer Wohnung. Wie ein Wolf. Dein Hund. Die von oben haben schon die Polizei gerufen, stell dir vor.“
„Ach ja?“
„Und diese Frau, diese Neue. Die ist weg. Mittwoch, mit ’nem Koffer, ich hab’s vom Treppenhaus gesehen. Und jetzt winselt es nur noch hinter der Tür. Ganz dünn. Wie ein Kind fast.“
„Und Markus?“
„Keine Ahnung. Ich hab geklopft, er macht nicht auf. Nur der Hund, der jault. Und kaum macht einer Geräusche auf der Treppe, ist er still. Als würde er warten. Weißt du, auf wen er wartet?“
Katharina hängte auf. Sah Martina an, die am Küchentisch saß und nichts sagte.
„Ruf ihn nicht an“, sagte Martina. „Bitte. Ruf ihn nicht an. Soll er doch.“
„Werd’ ich nicht.“
Sie tat es nicht. Weder abends noch nachts, als sie wach lag und die Stunden zählte. Sie nahm das Handy in die Hand, legte es weg. Nahm es, legte es weg. Sie rief nicht an.
Am nächsten Morgen, früh um halb sieben, rief er selbst an. Katharina schälte gerade Kartoffeln. Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. Nahm ab.
„Ja?“
„Kathi.“
Seine Stimme war kaputt. Rau. So, als hätte er seit Tagen nicht mehr als ein paar Worte gesprochen. Und im Hintergrund, ganz leise, dieses dünne, hohe Fiepsen. Wie damals. Wie in der Pappkiste im Regen.
„Kathi. Ich bitte dich.“
„Was ist los?“
Er schwieg einen Moment. Dann weinte er. Nicht heftig, sondern so ein hilfloses, unterdrücktes Schluchzen, wie es Männer tun, die es nicht gewohnt sind.
„Er frisst nicht. Seit fünf Tagen. Die Tierärztin sagt, es ist Kummer. Er trinkt nicht mal mehr. Liegt nur an der Tür. Da, wo deine Gummistiefel standen. Genau auf dem Fleck. Er rührt sich nicht weg. Sie ist weg, Kathi. Sabine ist weg. Und der Hund sieht mich an und schaut weg. Als ob er’s mir vorwirft. Bitte. Komm her. Hol ihn. Bitte.“
Katharina stand am Fenster und sah in Martinas Garten. Der Nebel hing noch zwischen den kahlen Obstbäumen. In ihr war es ganz still. Kein Triumph. Kein Mitleid mit ihm. Nur ein einziger, glasklarer Gedanke, so präzise wie ein Fahrplan: Balu wartet.
„Ich komme“, sagte sie. Und legte auf.
Martina stand in der Tür, den Autoschlüssel schon in der Hand.
„Nimm meinen. Der hat Winterreifen und ’nen vollen Tank. Und bring ihn nach Hause. Euch beide. Ich mach schon mal den alten Teppich sauber und stell ’ne Schüssel Wasser hin. Ne große, die blaue, aus Ton.“
Katharina umarmte ihre Schwester. Zum ersten Mal seit neun Tagen. Und weinte. Auch zum ersten Mal. Ganz kurz, ganz still, gegen Martinas Schulter.
„Ist ja gut“, sagte Martina und klopfte ihr auf den Rücken. „Los jetzt.“
Sie fuhr schnell. Die A 7 war fast leer, die tiefstehende Wintersonne blendete seitlich, die Schatten der Leitplanken flogen in schnellen Streifen vorbei. An dem Feldweg im Wendland fuhr sie langsamer. Da, wo sie vor neun Jahren die Kiste gefunden hatte, wuchsen jetzt nur hohe, braune Gräser. Sie hielt nicht an.
In Hannover bog sie in ihre alte Straße ein. Alles vertraut und doch fremd. Die Kastanien, der Kiosk an der Ecke, die Einfahrt. Nichts davon gehörte noch ihr.
Markus öffnete. Ungeduscht, grau im Gesicht, in einem T-Shirt mit Fleck. Die Wohnung roch nach kaltem Rauch und leerem Kühlschrank. Auf der Kommode im Flur lagen eine leere Packung Schlaftabletten und ein angebissener Apfel, braun und eingetrocknet.
Balu lag an der Tür. Auf der Stelle, wo immer ihre alten Lederstiefel gestanden hatten. Er hob den Kopf, als er ihre Schritte hörte. Die Ohren stellten sich auf. Langsam, mühsam, als drückte ihn eine Last zu Boden, rappelte er sich hoch. Schwankte. Sah sie an.
Sie kniete sich hin. Sagte nichts. Machte keinen Mucks.
Er wedelte einmal. Noch einmal. Dann kam er. Ganz langsam. Schritt für Schritt. Drückte seine trockene, warme Nase gegen ihre Kniescheibe und lehnte sich an sie, so schwer, dass sie fast umfiel.
„Na, mein Großer“, flüsterte sie in sein zotteliges Fell. „Na, hallo, mein Großer.“
Hinter ihr redete Markus. Irgendwas von „gib mir noch ’ne Chance, Kathi, ich hab einen Fehler gemacht, ich seh’s doch ein“. Sie hörte nicht hin. Hörte nur Balus Atem, ein dünnes, heiseres Hecheln.
„Die Leine“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Und das Schwein. Das quietschende. Wo ist es?“
„Im Schlafzimmer. Warte. Ich hol’s.“
Er brachte die Leine und das zerlumpte, speckige kleine Stoffschwein. Katharina klinkte die Leine ein. Balu stand jetzt etwas fester. Sein Schwanz bewegte sich, ganz schwach, wie ein defekter Scheibenwischer.
Sie gingen zur Tür. Markus stand im Flur.
„Kathi. Bitte. Sag doch was.“
Sie drehte sich um. Zum ersten Mal seit neun Tagen sah sie ihn direkt an. Kein Zorn. Keine Genugtuung. Nur diese satte, ruhige Stille, die er nicht ertragen konnte. Sie sagte keinen Ton. Zog einfach die Tür hinter sich zu. Leise. Nicht geknallt. Nur ins Schloss gefallen.
Im Auto saß Balu auf dem Beifahrersitz, den Kopf auf ihrem Oberschenkel. Er war so leicht. Viel zu leicht. Als hätte man die Hälfte von ihm wegradiert. Sie strich ihm mit dem Daumen über den Nasenrücken, die eingefallene Stelle zwischen den Augen.
„Nach Hause“, sagte sie.
Auf einem Rastplatz an der A 7, kurz vor Soltau, hielt sie an. Kaufte sich einen heißen Kaffee und an der Wursttheke ein Stück warmen Leberkäse. Sie riss ihn in kleine Stücke und verfütterte ihn, direkt auf dem Parkplatz, im eisigen Wind. Balu fraß langsam, dann schneller, dann gierig. Sie stand daneben, kraulte seinen Hals und weinte. Endlich. Nicht aus Kummer. Aus Erleichterung. Die Tränen liefen einfach so, sie wischte sie nicht ab. Laster rollten vorbei. Eine Frau mittleren Alters, an einem rostigen Opel, die einen großen, struppigen Hund mit Leberkäse füttert, während der Novemberwind ihr die Haare ins Gesicht peitscht. Nichts Besonderes. Kommt vor.
Bei Martina kamen sie in der Dunkelheit an. Die Schwester stand auf der Terrasse, in gefütterten Gummistiefeln und mit einer alten Wolldecke über dem Arm.
„Na, ihr zwei“, sagte sie nur. „Rein mit euch. Suppe ist heiß.“
Balu beschnupperte die Türschwelle. Stieg vorsichtig die Stufen hoch. Martina hockte sich hin, hielt ihm ein Stück Cervelatwurst hin. Er nahm es. Ganz sachte, ganz höflich, wie man ein teures Geschenk nimmt.
Martina hatte das Körbchen aus dem Keller geholt und mit einer Flauschdecke ausgelegt. Balu beschnupperte es, trat zweimal im Kreis, ließ sich mit einem tiefen Seufzer fallen. Ein Seufzer, als atmete er nicht nur den Abend aus, sondern all die neun Tage ohne Katharina.
Sie setzte sich neben ihn auf den Boden. Den Kopf an seine Flanke gelehnt, spürte sie, wie sein Herz schlug. Fest. Ruhig. Er fraß jetzt schon, trank auch. Das Stoffschwein hatte sie ihm unter die Schnauze gelegt, und er hatte eine Pfote draufgelegt, wie er es immer tat.
Spät am Abend, als Balu in tiefem, gleichmäßigem Atem endlich erholt schlief, zum ersten Mal seit elf Tagen ohne Fiepsen, vibrierte das Handy. Ein Name leuchtete auf.
Katharina sah auf das Display. Lange. Zehn Sekunden. Fünfzehn.
Dann drückte sie auf „Ablehnen“. Legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten auf den Nachttisch. Löschte das Licht. Draußen rauschte der Wind in den Fichten. Gleichmäßig, ruhig, als wäre nichts in der Welt anders. Dabei hatte sich alles verändert. Nur nicht so, wie Markus es im kahlen Gerichtsflur geplant hatte, und nicht da, wo er es erwartet hatte.
Balu bewegte im Schlaf leise die Pfoten. Rannte irgendwem hinterher. Oder, wer weiß, rannte vielleicht einfach nur nach Hause.
Und Sie? Wären Sie zurückgegangen zu jemandem, der Ihnen das Lebendigste genommen hat, nur um Sie zu treffen, und dann mit Tränen in der Stimme anruft? Oder hätten Sie auch einfach aufgelegt und das Licht gelöscht?
