Thomas schob die Kaffeetasse beiseite, als wäre sie ein störender Aktenordner auf einem Konferenztisch. Nicht in unserer Küche, sondern in irgendeinem sterilen Besprechungsraum.
„Es hat keinen Sinn, Anna. Die Scheidung ist der einzig saubere Schnitt.“
Anna starrte auf den erkaltenden Kaffee. Zwanzig Jahre. Zwanzig gemeinsame Jahre in Leipzig, ein aufgebautes Architekturbüro, eine erwachsene Tochter. Dass aus seiner „späten Leidenschaft“ mit der Praktikantin mehr geworden war, hatte sie erst vor vier Monaten realisiert. Jetzt stand die Jüngere schon mit einem Fuß in Annas Leben.
Sie fühlte nichts mehr. Eine Taubheit, die fast angenehm war. Kein Kampf, kein Beweis. Nur noch der Impuls: Weg.
„Ich bin raus“, sagte sie leise.
Sie ging zurück nach Hamburg. In die Stadt ihrer Kindheit, wo ihre Mutter noch in Blankenese wohnte und ihre Schwester eine kleine Anwaltskanzlei führte. Auch ihre Tochter Lena studierte dort Medizin. Ein Neuanfang mit fünfundvierzig, dachte Anna mit einer Mischung aus Trotz und Erschöpfung.
Das Haus in der HafenCity war schnell gefunden – eine sanierte Altbauwohnung mit Blick auf einen Hinterhof voller Platanen. Die Möbel aus Leipzig kamen per Spedition. Alles war geregelt.
Bis auf Luna.
Luna war die Katze. Sie war nicht ihre Katze, es war *ihre* Katze. Eine schwarz-weiß-rote Glückskatze mit einem auffälligen, orangefarbenen Fleck über dem linken Auge. Vor acht Jahren hatte Anna sie als winziges, durchnässtes Bündel aus dem Gulli vor dem Büro gezogen. Thomas hatte sie damals abends mit einem Handtuch trocken gerubbelt und zärtlich „kleine Rotznase“ genannt.
„Was machen wir mit ihr?“, hatte Anna am letzten Tag gefragt.
Thomas war in die Hocke gegangen. Luna hatte sich sofort an seinen Beinen gerieben, ein tiefes, kehliges Schnurren angeschlagen und ihm den Kopf gegen die Hand gestoßen. Thomas hatte sie hochgenommen, und Luna hatte ihm mit der Pfote gegen das Kinn getippt, so wie immer.
„Du weißt, dass sie mich genauso liebt“, hatte Thomas gesagt. Keine Forderung, nur eine Feststellung. „Und ein Umzug ist purer Stress für so ein Tier. Lass sie hier, hier hat sie ihren Platz. Ich kümmere mich.“
Anna hatte lange in Lunas goldgrüne Augen gesehen. Die Katze hatte den Blick starr erwidert, ohne zu blinzeln, ein durchdringender, unverzeihlicher Blick. Ein Vorwurf, so tief, dass Annas Brust sich schmerzhaft zusammenzog. Trotzdem hatte sie genickt.
Im Zug nach Hamburg hatte sie nicht geschlafen. Das monotone Klackern der Schienen war ein Echo ihrer eigenen Leere.
Die ersten Wochen verlor sie sich im Renovieren. Alte Dielen abschleifen, Wände in einem warmen Grau streichen, Möbel umstellen. Doch jedes Mal, wenn sie die Tür aufschloss, lauschte sie auf das vertraute trippelnde Geräusch von Pfoten auf Parkett. Stille. Nur das Summen des Kühlschranks.
Drei Monate später rief Lena an. Sie klang seltsam gedämpft. „Mama, Papa hat gesagt, Luna ist weggelaufen. Schon seit fast drei Wochen. Er hat nichts gesagt, weil er dachte, sie kommt wieder. Aber sie ist einfach… verschwunden.“
Anna legte auf und saß eine Stunde reglos auf dem Sofa. Dann buchte sie den nächsten ICE nach Leipzig.
Sie klingelte an der Tür einer Dachgeschosswohnung im Leipziger Westen, die sie nur von der Adresse kannte. Die Frau, die öffnete, war blond, höchstens dreißig und trug eine teure Yogahose.
Thomas tauchte hinter ihr auf, das Hemd verknittert, der Gesichtsausdruck irritiert. „Anna? Was machst du denn hier?“
„Wann genau ist Luna verschwunden?“ Annas Stimme war ruhig, aber ohne jede Höflichkeit.
„Ich hab doch Lena gesagt… vor drei Wochen, denke ich. Sie ist mir zwischen den Beinen durch, die Tür war einen Spalt offen“, sagte Thomas und zuckte mit den Schultern.
„Sie war eine reine Wohnungskatze. Sie hatte Angst vor dem Treppenhaus“, entgegnete Anna.
Die Blonde, die sich als Caro vorgestellt hatte, verschränkte die Arme. „Wir haben jeden Abend gerufen. Das Tier ist halt weggelaufen. Ist doch nur eine Katze. Nach drei Wochen findet man da nichts mehr, ehrlich.“
Anna ignorierte sie. Sie sah nur Thomas an. „Wenn sie auftaucht, ruf mich an. Egal wann. Meine Nummer ist noch dieselbe. Bitte, Thomas. Ich bitte dich darum. Sie ist das Einzige, was mich noch mit… mit allem hier verbindet. Bitte, versprich es mir einfach.“
Thomas nickte knapp. Caro verdrehte leicht die Augen, sagte aber nichts.
Anna fuhr nicht direkt zum Bahnhof. Wie ferngesteuert nahm sie die Tram nach Gohlis, in das alte Viertel. Sie stand vor dem Backsteinbau, in dem sie zwanzig Jahre gelebt hatten. Die Fensterbank, auf der Luna immer in der Sonne gedöst hatte, war leer. Der Fliederbusch am Eingang war größer geworden.
Auf einer Bank am Ende des Hofs saß eine ältere Frau mit einer Tüte Vogelfutter. Frau Berger, die Nachbarin von gegenüber.
„Anna? Ist das wahr? Sie sind es!“, rief sie, stand auf und kam eilig herüber. Sie umarmte Anna herzlich. „Das ist eine Überraschung. Kommen Sie zurück?“
„Nein, Frau Berger. Ich bin nur… wegen der Katze. Nur so. Hatte Sehnsucht nach der Gegend“, log Anna.
Frau Bergers Blick wurde ernst. „Wegen der kleinen Luna? Ach, das ist eine schlimme Geschichte. Einen Moment.“ Sie griff nach Annas Arm. „Ich hab sie gesehen. Vor ein paar Tagen. Sie streunte bei den Müllcontainern hinten an der Garagenzeile. Völlig verdreckt und hager. Ich hab sie gerufen, aber sie war scheu, hat mich nicht erkannt, die Ärmste. Ich hab ihr eine Schale mit Futter hingestellt, aber sie ist sofort wieder weggerannt, unter so ein verrostetes Tor. Als hätte sie ihr Zuhause vergessen.“
Annas Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Sind Sie sicher, dass es Luna war?“
„Die dreifarbige mit dem Brandfleck über dem Auge? Natürlich war sie das. Ich kannte sie doch! Verwechseln kann man die nicht, das ist ja das Besondere an ihr. So eine Fellzeichnung hat keine andere hier im Viertel, da verwette ich meine Rente drauf!“
Zweieinhalb Stunden lief Anna danach jeden Winkel zwischen den alten Garagen, den Fahrradschuppen und den verwilderten Hecken ab. Sie rief Lunas Namen, lockte mit der höchsten, schmeichelndsten Stimme, die sie hatte. Die Sonne war längst hinter den Plattenbauten verschwunden, als sie sich erschöpft auf eine kalte Betonstufe setzte.
Die Schuld überrollte sie mit voller Wucht. Sie hätte Luna nie zurücklassen dürfen. Sie hatte sie verraten. Genau wie Thomas sie selbst verraten hatte. Sie drückte die Handballen gegen die Augen.
„Luna“, flüsterte sie heiser. Es klang nicht wie ein Rufen, sondern wie ein Gebet. „Es tut mir so leid. Komm zurück. Bitte. Bitte, komm einfach zurück, ich nehm dich mit, ich schwör’s dir diesmal. Luna…“
Hinter ihr, von der Reihe der überquellenden Müllcontainer, löste sich ein Schatten.
Kein schönes, seidiges Fell. Ein schmutzstarrendes, verfilztes Bündel. Ein Gerippe mit Haar. Das einzig Lebendige an dieser Kreatur waren zwei riesige, panische, goldgrüne Augen und ein orangefarbener Fleck über dem linken Auge.
Anna wagte nicht zu atmen. „Luna?“
Ein heiseres, kaum hörbares Miauen. Kein Schritt, ein Sprint. Das Bündel prallte gegen Annas Schienbein und krallte sich mit spitzen, verzweifelten Krallen im Stoff ihrer Stoffhose fest. Anna hob das zitternde Tier hoch, drückte es an ihre Brust. Der Gestank von nassem Müll und altem Fett stieg ihr in die Nase, aber sie spürte nur den winzigen, vibrierenden Motor in dieser Brust. Ein Schnurren, so rau und stoßweise wie ein kaputter Anlasser.
„Nie wieder“, murmelte Anna in das dreckige Fell. „Nie wieder lass ich dich zurück. Versprochen. Wir gehen heim, Luna. Für immer. Nur wir zwei, wir beide. Keiner sonst.“ Tränen tropften auf den verfilzten Katzenkopf. Luna rieb ihr Köpfchen heftig an Annas Kinn, und dann biss sie ihr ganz leicht und ganz fest in den Kragen. Eine Geste aus alten Zeiten. Ein Erkennungszeichen.
Zwei Tage brauchte Anna noch, um Luna in einer Tierklinik checken zu lassen, einen Transportkorb zu besorgen und sie aus dem gröbsten Dreck zu baden. Ihre alte Freundin Miriam, bei der sie untergekommen war, stand mit Handtüchern und einem Glas Wein parat, während Luna sich unter dem Gästebett verkroch, nur um beim leisesten Rascheln der Futterdose blitzartig hervorzuschießen.
Der ICE nach Hamburg war voll. Anna bezog ihr Abteil, stellte den Korb auf den Sitz neben sich und öffnete den Reißverschluss einen Spalt. Eine rosafarbene Nase erschien.
Zwei Stunden später lag Luna quer über Annas Schoß, ein Bein von sich gestreckt, und schlief tief und fest, so tief, wie nur ein Wesen schläft, das endlich wieder angekommen ist.
Anna wagte kaum, sich zu bewegen. Sie starrte aus dem Fenster in die vorbeirasende Dunkelheit und fühlte zum ersten Mal seit Monaten, wie ein kalter Stachel in ihrem Inneren sich löste. Auch wenn alles andere zerbrochen war – diese eine Entscheidung hatte sie rückgängig gemacht.
„Entschuldigung, ist das eine Glückskatze?“
Anna zuckte zusammen und sah auf. Im Gang stand ein Mann, Mitte vierzig, graumelierter Dreitagebart, eine abgewetzte Lederjacke über dem Arm. Er hatte eine Reisetasche in der Hand und einen leicht verlegenen Ausdruck im Gesicht.
„Ja… ja, das ist sie“, sagte Anna und strich Luna über den Kopf, ohne nachzudenken. „Eine echte Glückskatze. Hat nur eine Weile gebraucht, bis ich das kapiert habe. Bin extra dafür quer durch die Republik gefahren, um sie zurückzuholen. Meine Tochter hält mich für verrückt, glaube ich.“
„Verrückt? Im Gegenteil“, sagte der Mann und lehnte sich an die Abteiltür. „Das ist die vernünftigste Aktion, von der ich seit langem gehört habe. Bin übrigens der Robert. Ich sitz da hinten, aber mein Sitznachbar schnarcht, dass die Wände wackeln. Falls ich hier kurz verschnaufen darf, nur für einen Moment… Ich bring auch Kaffee aus dem Bordrestaurant mit, wenn’s als Miete durchgeht.“
Anna spürte, wie sich etwas in ihr löste. Kein Flirt. Keine Anmache. Einfach ein warmer, unkomplizierter Ton.
„Anna“, sagte sie und deutete auf den Fensterplatz. „Und sie heißt Luna. Setzen Sie sich ruhig. Aber die Kaffeemiete nehm ich ernst. Zwei Zucker, bitte. Und für Luna ein stilles Wasser, sie ist anspruchsvoll; die trinkt nicht mal Leitungswasser, das müssen Sie wissen, wenn Sie hier einziehen. Na ja, für die nächste Stunde zumindest.“
Robert lachte leise und verschwand in Richtung Bordrestaurant, während Luna sich räkelte und Anna gegen die Hand stupste, als wolle sie sagen: *Hab ich dir doch versprochen, dass sich was Gutes findet.*
Siebenundfünfzig Minuten später übergab Robert sein Handy an den freundlichen Schaffner, um ein Foto von Anna, Luna und sich selbst vor dem Tempo-30-Schild im Abteil machen zu lassen – das erste von vielen. Auf dem Bild war Anna zu sehen, wie sie breit grinste und dabei so entspannt aussah wie seit Jahren nicht mehr. Es war kein Posing. Es war die Wahrheit.
Als sie zwei Wochen später das Foto auf ihrem Küchentisch in der HafenCity betrachtete, lag Luna auf der neu gekauften Fensterbank und beobachtete konzentriert eine Möwe. Die Türklingel schellte. Anna strich sich die Haare zurecht, bevor sie öffnete. Sie kannte diesen Klingelton. Kurz. Bestimmt. Ohne zu zögern.
Robert stand im Türrahmen, in der einen Hand eine Flasche guten Rotwein, in der anderen eine Tüte mit Katzenleckerli in Fischform. „Du hast gesagt, sie mag Thunfisch. Ich hab gehört, dass man sich bei Glückskatzen und ihren Besitzerinnen besonders Mühe geben muss. Und das Tupper-Dings für den Auflauf von neulich bring ich auch zurück. Das wurde aber auch Zeit, oder?“
Anna lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. „Hat fast vierzehn Tage gelegen, Robert. Das ist Bußgeld in meinem Haushalt. Mindestens ein selbstgekochtes Abendessen. Oder zwei. Und das von einem Mann, der zugibt, nicht mal einen Fisch am Stiel zu halten, geschweige denn einen Auflauf zu zaubern. Ich habe Ansprüche, ich bin Hamburgerin, da kriegt man das in die Wiege gelegt…“ Sie zog ihn am Ärmel in den Flur.
Luna sprang von der Fensterbank, tippelte herbei und rieb ihren Kopf fordernd an Roberts Hosenbein. Er bückte sich, hob sie mühelos hoch, und Luna – die scheue, von Müllcontainern traumatisierte Katze, die niemandem mehr vertraute – begann sofort zu schnurren und stupste ihm mit dem Köpfchen gegen das Kinn.
„Unglaublich“, murmelte Anna. „Du hast keine Ahnung, was das bedeutet, Robert. Sie macht das nur bei Leuten, die ich…“ Sie brach ab.
„Die du was?“, fragte Robert leise und sah von Luna zu Anna.
„Die ich auf ein Abendessen einlade und nicht mehr gehen lassen will“, sagte Anna. Sie nahm ihm den Wein ab. „In die Küche, Herr Nachbar aus der letzten Reihe. Es gibt Nudeln mit Thunfischsauce – für uns und für die Prinzessin. Und morgen früh Kaffee, aber den musst du machen. Ich bin der Morgenmuffel im Haus. Aber sag jetzt nichts, was du nicht halten kannst. Meine Katze beobachtet dich, und die hat ein Elefantengedächtnis, ich warne dich.“
