Katharina strich das dunkelgrüne Kleid glatt und musterte sich im Spiegel. Fünfunddreißig. Eine Zahl, die sich nach Aufbruch anfühlte, nicht nach Stillstand. Aus der Küche drang Geschirrklappern und das selbstzufriedene Summen ihres Mannes.
„Kat, bist du fertig? Die Gäste kommen in einer Stunde!“ Stefans Stimme überschlug sich fast vor freudiger Erregung.
Sie lächelte ihr Spiegelbild an. Stefan liebte Überraschungen, das war schon immer so gewesen. Wahrscheinlich hatte er wieder irgendein technisches Spielzeug besorgt oder eine überdimensionale Flasche Parfüm. Sie brauchten eigentlich Geld für die neue Heizung, aber an ihrem Geburtstag würde sie nicht kleinlich sein.
Das Erste, was sie hörte, war das vertraute Klacken eines Schlüssels im Schloss. Ihre Schwiegermutter betrat die Wohnung wie immer ohne zu klingeln. Elisabeth Berger trug eine strenge Kostümjacke und musterte den Flur mit jenem prüfenden Blick, der jede noch so versteckte Staubflocke aufspürte.
„Der Aufschnitt ist vom Discounter, stimmt’s?“ sagte sie anstelle einer Begrüßung. „Man riecht es sofort. Ich habe dir extra den Namen des guten Metzgers am Marktplatz gegeben, Katharina.“
„Mama, lass gut sein.“ Stefan küsste seine Mutter auf die Wange und bugsierte sie ins Wohnzimmer.
Katharina schluckte die Antwort hinunter. Heute nicht. Heute würde sie sich nichts verderben lassen.
Ihre Eltern kamen gemeinsam mit den ersten Arbeitskollegen. Ihr Vater, schwerer Handwerker mit vom Zement gezeichneten Händen, drückte ihr einen riesigen Strauß Sonnenblumen in die Arme. Ihre Mutter hielt eine selbstgebackene Schwarzwälder Kirschtorte, die schief stand und trotzdem besser roch als jede Konditorei.
„Fünfunddreißig, mein Schatz. Das ist der schönste Frühling des Lebens!“ Ihre Mutter küsste sie fest auf beide Wangen.
Die Wohnung füllte sich mit Gelächter, dem Klirren von Sektgläsern und dem würzigen Geruch von Lammbraten. Katharina schenkte nach, füllte Schüsseln auf und spürte doch die ganze Zeit über Stefans seltsame Unruhe. Er tauschte immer wieder Blicke mit seiner Mutter, die mit verschränkten Armen in der Sofaecke thronte und ein wissendes Lächeln nicht verbergen konnte.
Als der Hauptgang vorbei war, klopfte Stefan mit einem Löffel energisch gegen sein Glas.
„Meine Lieben, einen Moment bitte!“ rief er mit einer Theatralik, die ihm sonst fremd war. „Heute ist ein großer Tag. Meine wundervolle Frau hat Geburtstag, und ich werde ihr beweisen, wie sehr ich sie schätze!“
Die Gäste murmelten neugierig. Katharinas Mutter sah sie fragend an. Katharina zuckte ahnungslos mit den Schultern.
Stefan verschwand im Hausflur und kehrte mit einem riesigen, schwarzen Karton zurück, auf dem das Logo eines exklusiven italienischen Herstellers prangte. Der Karton war so schwer und unhandlich, dass er sich damit durch die Tür zwängen musste.
Ein Raunen ging durch den Raum. Jemand applaudierte spontan.
„Das ist das neueste Modell eines Dampfbügelautomaten mit ActiveSense-Technologie“, verkündete Stefan stolz und stellte den Karton mitten im Raum ab. „Damit ist der ewige Kampf mit Wäschebergen für meine Kat endgültig vorbei!“
Elisabeth lächelte ihr feines, schmales Lächeln. „Na endlich. Dann hängen deine Blusen wenigstens künftig nicht mehr so zerknittert im Schrank, Katharina. Stefan hat wirklich an alles gedacht.“
Katharina starrte auf den Karton. Sie hatte sich nie über das Bügeln beschwert. Es war ein Geschenk, das rieb sich falsch an ihrer Haut, ein Geschenk, das eigentlich eine öffentliche Kritik war. Aber sie zwang sich zu einem Lächeln.
„Lass uns auspacken“, sagte sie und trat auf den Karton zu.
„Nein, warte!“ Stefan hielt sie abrupt am Arm fest. „Da ist so viel Verpackungsmaterial drin, Styropor und Folie, das gibt eine riesige Sauerei. Das machen wir später in Ruhe zu zweit. Jetzt wird erstmal weitergefeiert!“
Die Gäste ließen sich nur zu gern ablenken. Jemand hob das Glas, eine alte Freundin riss einen Witz, und der Moment löste sich auf in Gelächter und Sekt. Aber Katharina konnte den Blick nicht von dem Karton nehmen. Elisabeths Augen funkelten sie aus der Sofaecke heraus an. Da war ein Triumph in diesem Blick, den sie nicht verstand.
Es wurde Mitternacht, bis der letzte Gast endlich ging. Ihre Mutter umarmte sie besonders lange an der Tür.
„Pass auf dich auf, mein Mädchen. Und ruf mich an, ja?“
„Natürlich, Mama. Gute Nacht.“
Als die Tür ins Schloss fiel, lehnte sich Katharina erschöpft dagegen. Stefan schob bereits grinsend die leeren Sektflaschen zusammen.
„Na, Schatz? Bist du platt von deinem Geschenk? Morgen früh bauen wir das gute Stück direkt im Wäschekeller auf. Mama meinte, das sei wirklich eine Lebensveränderung. Sie hat schon ganz neidisch geguckt!“
„Lass es uns jetzt auspacken“, sagte Katharina ruhig. „Ich will nicht bis morgen warten.“
Stefans Lächeln gefror für einen Sekundenbruchteil. „Jetzt? Es ist nach zwölf. Ich bin todmüde, wirklich. Das Ding hat eine tausendseitige Anleitung, das dauert ewig. Morgen, versprochen.“
Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand im Badezimmer. Katharina blieb mit dem Karton allein.
Sie konnte nicht schlafen. Um halb drei in der Nacht stand sie leise auf, ging barfuß ins Wohnzimmer und holte ein Cuttermesser aus der Küchenschublade. Der Karton stand bedrohlich im Mondlicht, das durch die Balkonfenster fiel. Sie schnitt mit einem entschlossenen Zug das Klebeband auf und öffnete die Laschen.
Styropor. Viel Styropor. Sie zog die Formteile einzeln heraus und legte sie ordentlich auf den Parkettboden. Darunter kam Packpapier. Zerknüllte Zeitung vom Vortag. Und dann – nichts.
Kein Dampfbügelautomat. Kein Metall, kein Plastik, kein Stromkabel. Nur der leere, schwarze Karton und die perfekt geformten Styroporaussparungen, die darauf warteten, ein Gerät zu halten, das nicht da war.
Katharina saß auf dem Boden ihres Wohnzimmers und starrte in den leeren Bauch der Verpackung. Ihr erster Gedanke war ein Irrtum. Ein dummer Fehler des Lieferdienstes. Sie kippte den Karton, schüttelte ihn, tastete jeden Winkel ab. Hohl. Leer.
Sie hörte nicht, wie Stefan hereinkam.
„Kat? Was machst du da mitten in der –“ Er stoppte, sah den ausgeweideten Karton, sah ihr Gesicht, und sein eigener Ausdruck wechselte von schläfrig zu alarmiert.
„Wo ist das Bügelgerät, Stefan?“
Er fuhr sich durch die Haare. „Ach so. Das. Hör zu, ich kann das erklären –“
„Das Gerät. Wo es ist. Eine einfache Frage.“ Ihre Stimme war eiskalt.
„Mama hat es.“ Er sagte es in einem Ton, als erkläre er einem Kind, dass die Sonne im Osten aufgeht. „Ihr alter Wäschetrockner war hinüber, und sie brauchte dringend Ersatz. Einen Bügelautomaten konnte sie sich nicht leisten, also habe ich ihr das Teil geschenkt. Den leeren Karton fand ich so schön, so repräsentativ – ich dachte, für die Feier macht der einfach was her! Und du musst doch zugeben, die Leute waren beeindruckt!“
Sie antwortete nicht sofort. Sie saß auf dem kalten Boden, die Reste der Verpackung um sich herum, und versuchte zu verstehen, ob der Mann, der da vor ihr stand, tatsächlich ihr Ehemann war. Oder ein Fremder, der sich nur als solcher ausgab.
„Du hast fünftausend Euro für ein Gerät ausgegeben – unser Geld, Stefan, von unserem gemeinsamen Konto – hast es deiner Mutter geschenkt und mir den Müll ins Wohnzimmer gestellt. An meinem Geburtstag. Vor allen Leuten, die ich liebe. Als ob ich ein Witz wäre, den ihr beide euch ausgedacht habt.“
„Jetzt hör aber auf!“ Stefans Stimme klang jetzt gereizt. „Du willst mir doch nicht im Ernst einen Vorwurf daraus machen, dass ich meiner eigenen Mutter etwas Gutes tue? Sie hat Rückenschmerzen, Katharina! Und überhaupt – musst du immer so eine Staatsaffäre aus jeder Kleinigkeit machen? Es ist doch nur ein Karton!“
Sie erhob sich langsam. Ihre Knie taten weh vom harten Boden. „Hast du das mit ihr besprochen?“
„Was besprochen?“
„Diese Farce. Dass ich vor meiner Familie eine leere Schachtel bekomme. Wusste sie es?“
Stefan rollte genervt mit den Augen. „Natürlich wusste sie es. Sie fand die Idee großartig. Hat gesagt, Hauptsache, die Gäste sehen, was für ein spendabler Ehemann ich bin. Und genau so war es doch! Alle haben dich beneidet!“
Katharina ging ins Schlafzimmer. Sie öffnete den Kleiderschrank und begann, seine Hemden vom Bügel zu nehmen. Sorgfältig, ohne Hast, legte sie sie in einen großen Reisekoffer, der oben auf dem Schrank stand.
„Was tust du da?“ Stefan stand jetzt im Türrahmen, die Arme verschränkt.
„Ich packe deine Sachen. Den Rest holst du später. Heute suchst du dir eine Bleibe für die Nacht. Du kannst zu Elisabeth fahren, ihr habt euch ja offensichtlich viel zu sagen, ohne mich als lästiges Publikum.“
„Du willst mich rauswerfen? Wegen eines blöden Kartons? Bist du völlig übergeschnappt?“
Sie richtete sich auf und sah ihn an. Es war ein Blick, den er noch nie an ihr gesehen hatte – ohne jede Spur von Wärme oder Zögern.
„Nicht wegen des Kartons, Stefan. Sondern weil ich begriffen habe, dass eine leere Schachtel genau den Platz widerspiegelt, den ich in deinem Leben einnehme. Eine Hülle. Zum Vorzeigen. Ohne Inhalt, den du respektierst. Dass du und deine Mutter gemeinsam plant, mich lächerlich zu machen – und dass du aufrichtig stolz darauf bist – das ist der Grund. Der Karton ist nur die Quittung für acht Jahre, in denen ich unsichtbar neben dir hergelaufen bin. Das ist jetzt vorbei.
„Diese Wohnung läuft auf meinen Namen, das weißt du. Ich habe sie geerbt, bevor wir geheiratet haben. Du wirst also gehen. Der Koffer ist gepackt. Deine Schlüssel lässt du auf dem Schuhschrank liegen.“ Sie hielt ihm den Koffer entgegen.
Stefan öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er suchte nach Worten, nach dem einen Argument, das diesen Albtraum beenden würde. Aber in ihrem Gesicht war nichts, woran er sich festhalten konnte.
„Du wirst das bitter bereuen, Katharina“, presste er schließlich hervor. „Du wirst allein alt werden, verbittert, und niemand wird –“
„Ich war noch nie weniger allein als in diesem Moment“, unterbrach sie ihn ruhig. „Geh jetzt einfach.“
Er riss ihr den Koffer aus der Hand, griff sich seine Jacke vom Haken und knallte die Wohnungstür so fest hinter sich zu, dass der Spiegel im Flur klirrte. Dann war es still.
Katharina stand im Flur und atmete. Es war, als hätte sie zum ersten Mal seit Jahren richtig Luft in den Lungen. Sie ging ins Wohnzimmer, öffnete die Balkontür und ließ die kalte Nachtluft herein. Der Karton stand noch da, eine leere, groteske Skulptur ihrer alten Ehe.
Sie rief am nächsten Morgen den Sperrmüll an. Zwei Männer kamen noch am selben Nachmittag, zertraten das Ungetüm mit geübten Handgriffen und trugen die Reste die Treppe hinunter. Dann setzte sie sich an ihren Laptop.
Sie loggte sich bei einem großen Elektronikversand ein, wählte das teuerste Dampfbügelsystem aus, das im Sortiment war – das gleiche Modell, das Stefan seiner Mutter geschenkt hatte, nur noch eine Klasse höher. Sie gab ihre Adresse ein und bestätigte die Lieferung für den nächsten Werktag. Expressversand.
Als Zweites suchte sie nach Reisen. Eine Woche Wüstenluft in Arizona, drei Tage Schweigen und Weite und ein Himmel ohne Ende. Sie buchte ein Einzelzimmer mit Kingsize-Bett und Terrasse zum Sonnenuntergang. Der Flug ging am Montag.
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Draußen kämpfte sich die Wintersonne durch die Wolken und tauchte das leere Eck an der Wand, wo vor Stunden noch der Karton gestanden hatte, in ein kaltes, klares Licht.
Das Gerät würde morgen kommen, der Flieger am Montag starten. Sie würde Knitterfalten aus Seidenblusen dämpfen und im trockenen Sand sitzen und auf die Berge starren. Sie würde Dinge tun, die sie nie getan hatte, weil immer jemand da war, der sie leise dafür auslachte. Jetzt war niemand mehr da.
Und das fühlte sich an wie der beste Geburtstag, den sie je hatte.
