„Anna, hast du sie noch alle?“, schrie Thomas, als seine Frau völlig aufgelöst die Wohnungstür aufstieß. In ihren Armen zappelte ein winziges, dreifarbiges Kätzchen. Er ließ vor Schreck beinahe den vollen Wäschekorb fallen. „Du bist im neunten Monat! Du kannst doch keine Straßenkatze anfassen! Weißt du, was da alles übertragen wird?“
Anna zog sich mit zitternden Fingern die Schuhe aus, ohne das Kätzchen loszulassen. Sie sah erschöpft aus, ihr Bauch spannte unter dem dünnen Kleid, und sie atmete so flach, als hätte man ihr die Luft aus dem Leib gepresst.
„Setz dich hin, Thomas. Ich muss dir was erzählen“, sagte sie leise und führte ihn zum Küchentisch. „Das Kätzchen kommt nicht weg. Ich trage es auf Händen, weil es mir und unserem Baby das Leben gerettet hat.“
Thomas wollte auffahren, doch Annas Blick war so stechend wie noch nie. Also setzte er sich widerwillig und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Und dann fing Anna an zu erzählen. Und je länger sie sprach, desto blasser wurde Thomas.
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Vor drei Monaten war Anna das letzte Mal bei ihrer Oma Helga in Pankow gewesen. Sie hatte einen Beutel mit frischen Windbeuteln vom Bäcker dabei, weil Helga die so gern zu ihrem Nachmittagskaffee aß. Doch als Anna die Küche betrat, saß die alte Dame mit leerem Blick am Fenster und rührte den Tee nicht an.
„Oma? Was ist passiert? Du schaust ja, als ob dir jemand den Geburtstagskuchen geklaut hätte“, versuchte Anna zu scherzen. Sonst half das immer. Heute nicht.
„Kurt war da“, flüsterte Helga.
Anna zuckte zusammen. Kurt, ihr Großvater, war vor sieben Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Er war der große, brummige Schreinermeister gewesen, der Anna als Kind immer auf seinem Schoß hatte reiten lassen und dem sie heimlich die Brille von der Nase stibitzte.
„Er hat mich mitgenommen“, murmelte Helga und starrte aus dem Fenster, als erwarte sie jeden Moment seine Gestalt auf dem Hof. „Heute Nacht, im Traum. Er stand da, mitten auf der Landsberger Allee, und hat mir zugewinkt. So energisch, weißt du? Wie früher, wenn er mich vom Sofa hochziehen wollte und ich keine Lust hatte. Er wollte, dass ich mitkomme. Ich hab ihm gesagt, dass ich noch warten muss, bis meine Urenkelin auf der Welt ist. Da hat er beleidigt geschaut und einen Schritt auf mich zugemacht. So real war das, Anna. Ich konnte seinen Tabak riechen.“
Anna spürte, wie sich eine Gänsehaut über ihren Rücken zog. Sie nahm Helgas Hand. Die war kühl und leicht. „Oma, das war ein Traum, mehr nicht. Weißt du noch, mein Kätzchentraum als Kind? Der dreifarbige kleine Kerl, der jede Nacht zu mir ans Bett kam? Den hab ich nie im echten Leben gesehen. So was bilden wir uns ein, weil wir uns etwas wünschen. Dein Wunsch ist es, Opa noch mal zu sehen, und mein Wunsch war immer ein Kätzchen. Mehr nicht. Jetzt trink deinen Tee und iss einen Windbeutel, ja?“
Helga nickte langsam, lächelte sogar. Anna blieb noch eine Stunde, redete über das Baby, über den frisch gestrichenen Wickeltisch, und als sie ging, drückte Helga ihr einen klitzekleinen Teddybären in die Hand, den sie aus einer Schublade gekramt hatte. „Für meine Urenkelin.“ Dann fiel die Tür ins Schloss.
Drei Tage später war Helga tot. Ihr Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Anna war bei der Beerdigung so bleich, dass der Bestatter sie zweimal fragte, ob sie ein Glas Wasser brauche. Thomas hielt sie am Arm, aber sie merkte kaum, dass er da war. Sie musste immer wieder an Helgas Worte denken. Daran, wie sie gesagt hatte, Kurt habe mit dem Finger gewinkt. „Komm mit.“ Und daran, dass sie es selbst nicht ernst genommen hatte.
Die Wochen danach waren schwer. Anna kämpfte mit der Trauer, zwang sich um des Babys willen zur Ruhe, aber nachts lag sie oft wach und starrte an die Decke. Sie dachte an Kurt und an das ungeborene Kind, das allmählich gegen ihre Rippen trat, und fragte sich, ob Träume wirklich nur Schäume waren.
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Am Tag, der alles änderte, war sie mit dem neunten Monat unterwegs. Der Geburtstermin rückte näher. Eine Woche vorher hatte sie einen Termin bei einem kleinen Friseursalon in Charlottenburg gemacht, um sich die Haare schneiden und etwas Gutes tun zu lassen, bevor das Baby kam. An diesem Morgen war sie nervös, weil sie schlecht geschlafen hatte. Geträumt hatte sie von Opa Kurt.
Er hatte auf einem Gehweg gestanden, unweit von Helgas alter Wohnung, und heftig mit der Hand gewinkt. Nicht freundlich. Sondern fordernd. Er stampfte sogar mit dem Fuß auf, wie damals, wenn sie als Kind nicht ihren Grießbrei essen wollte. Anna rief im Traum: „Ich kann nicht, Opa! Ich krieg doch ein Kind!“ Aber er hörte nicht auf. Im Gegenteil, er griff sich plötzlich an die Brust, verdrehte die Augen und kippte nach vorn. Anna erschrak so sehr, dass sie losrannte, obwohl sie nicht wusste, ob sie zu ihm oder vor ihm wegrennen sollte.
Dann hörte sie ein durchdringendes Miauen. Ein kleines, dreifarbiges Kätzchen saß mitten auf der Fahrbahn. Genau so eines, wie sie es als Kind geträumt hatte: schwarze, rote und weiße Flecken, ein süßes Plüschohr, das in die Luft stand. Es sah sie an, als bitte es um Hilfe. Und von hinten raste ein riesiges schwarzes Auto heran. Anna war hin- und hergerissen. Zu Opa Kurt oder zu dem Kätzchen? Ihr Herz hämmerte, und dann – riss Thomas sie mit einem Ruck aus dem Schlaf.
„Du hast geschrien wie am Spieß!“, rief er aufgeregt. „Wach auf! Ist ja nur ein Traum!“
Anna brauchte zehn Minuten, bis ihre Hände nicht mehr zitterten. Sie erzählte ihm den Traum. Thomas schüttelte den Kopf. „Meine Güte, das war die Aufregung von der Beerdigung. Glaub mir, Tote, die im Traum rufen, bedeuten langes Leben. Hab ich im Internet gelesen.“ Aber Anna war sich da nicht so sicher.
Um halb elf machte sie sich zu Fuß auf den Weg zum Friseur. Der Salon „Haarwerk“ lag nur fünfzehn Minuten entfernt, und Bewegung tat ihr gut, hatte die Hebamme gesagt. Sie bog in die Königsallee ein, vorbei an der Bäckerei und dem Buchladen. An der Ampel zur Kreuzung mit der Reichsstraße sprang sie auf Grün, sah die leuchtende Fußgängerampel und beschleunigte ihren Schritt. Noch zwanzig Sekunden. Dann hörte sie es.
Ein leises, jämmerliches Miauen. Ganz nah. So wie in ihrem Traum.
Anna blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich um. Da saß es. Das Kätzchen. Dreifarbig. Exakt das Kätzchen aus all ihren Kindheitsträumen, mit denselben leuchtenden Augen und derselben kecken weißen Pfote. Es saß auf dem Bürgersteig, zwei Schritte von ihr entfernt, und putzte sich seelenruhig den Bauch. Anna zögerte. Ihr Kopf sagte: Du musst über die Straße, die Ampel schaltet gleich um. Ihr Bauchgefühl sagte: Bleib stehen. Das ist dein Kätzchen. Das Kätzchen, das du immer haben wolltest.
Sie machte einen Schritt auf das Tier zu – und in diesem Moment geschah es.
Hinter ihr schoss ein schwarzer BMW X5 aus der Seitenstraße. Der Fahrer hatte das Lenkrad verrissen, weil er viel zu schnell unterwegs war und auf der nassen Fahrbahn ins Schlingern geriet. Das Auto überfuhr die rote Ampel, erwischte den Gehweg um Haaresbreite und donnerte genau über die Stelle, an der Anna vor einer halben Sekunde noch gestanden hatte. Ihre Einkaufstasche, die sie vor Schreck hatte fallen lassen, wurde von der Stoßstange zehn Meter durch die Luft geschleudert. Dann krachte der Wagen mit einem ohrenbetäubenden Scheppern in die Schaufensterscheibe eines Schuhladens. Glas prasselte herab. Ein dumpfer Aufprall. Stille.
Anna stand da, unfähig sich zu rühren. Ihre Beine weigerten sich, einen Schritt zu gehen. Der Puls hämmerte in ihren Schläfen. Ein Mann rief: „Alles in Ordnung? Ich hab den Notruf gewählt!“ Anna nickte mechanisch, aber ihre Augen suchten den Bürgersteig ab. Das Kätzchen war ein Stück zurückgewichen, duckte sich unter eine Parkbank, miaute leise.
Anna taumelte zu der Bank, ließ sich auf die Knie fallen und griff mit zitternden Händen nach dem Fellknäuel. Dreifarbig. So klein, dass es in ihre Handfläche passte. Es zitterte, presste sich an sie, als hätte es nie etwas anderes gewollt. Die Tränen liefen Anna über die Wangen, ohne dass sie es steuern konnte.
„Du bist mein Schutzengel“, murmelte sie. „Du hast mich gerettet. Uns beide.“ Und sie stand auf, ohne auch nur einen Schritt in Richtung Friseur zu machen, und trug das Kätzchen im Arm nach Hause.
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„Jetzt verstehst du, warum ich es nicht einfach auf die Straße zurückbringe?“, beendete Anna ihre Erzählung und sah Thomas direkt an. Das Kätzchen hatte sich auf ihren Bauch gekuschelt und schnurrte leise.
Thomas saß da, die Hände im Schoß, und starrte abwechselnd auf seine Frau und auf das Tier. Sein Mund öffnete sich und klappte wieder zu. Er wollte etwas von Toxoplasmose und Tierheim murmeln, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken.
„Ich weiß, was du sagen willst“, fuhr Anna fort. „Aber dieser kleine Kerl hat da draußen auf mich gewartet. Genauso wie in meinen Träumen. Wie soll das Zufall sein? Ich glaube, Oma Helga und Opa Kurt haben ihn geschickt. Damit ich bei meinem Kind bleibe.“
Thomas rieb sich mit der flachen Hand übers Gesicht. „Okay“, sagte er heiser. „Okay, bring ihn nicht weg. Ich … ich bring dich und das Tier zum Tierarzt. Wir lassen es durchchecken, und dann sehen wir weiter. Aber du rührst jetzt kein Katzenstreu an, hörst du? Das mache ich.“ Er schluckte, dann stand er auf, ging um den Tisch herum und legte vorsichtig eine Hand auf Annas Bauch, während seine andere Hand das Kätzchen kurz hinter den Ohren kraulte. Das Tier schloss die Augen.
Genau in diesem Moment weiteten sich Annas Pupillen. Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihren Unterleib. Sie krümmte sich, hielt mit einer Hand ihren riesigen Bauch umklammert und keuchte.
„Thomas … ich glaube, es geht los.“
Er wurde käsebleich. „Jetzt? Wirklich? Aber der Kreißsaalkoffer ist noch gar nicht – ist das sicher? Soll ich –“ Er rannte im Kreis, stolperte fast über den Teppich, während das Kätzchen erschrocken von Annas Schoß auf den Stuhl sprang.
Anna atmete in kurzen Stößen. „Ja, es geht los. Hol die Tasche. Los jetzt!“
Der schwarze BMW und der fast verpasste Tod waren für den Moment vergessen. Alles, was zählte, war die kleine Menschenseele, die sich auf den Weg machte.
Thomas packte mit zitternden Händen die Tasche, half Anna ins Auto und setzte Minka vorsichtig ins Wohnzimmer, nachdem er ihr schnell eine Schale Wasser hingestellt hatte. Auf der Fahrt in die Klinik hielt Anna seine Hand so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Er redete leise auf sie ein, während sie die Wehen veratmete, und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren. Im Kreißsaal wurde alles stiller, konzentrierter. Die Hebamme lobte Annas Atmung, und Thomas stand die ganze Zeit neben ihr, wischte ihr den Schweiß von der Stirn. Immer wieder schoss ihm das Bild des dreifarbigen Kätzchens durch den Kopf – das Tier, das Annas Leben gerettet hatte. Doch noch wagte er es nicht, mehr als einen Zufall darin zu sehen. Dafür war er zu sehr der Mathematiker, der an Wahrscheinlichkeiten glaubte. Stunden später, mit einem kräftigen Schrei, den man bis auf den Flur hörte, kam Lena zur Welt. Sie war nass, wütend und wunderschön, und Thomas vergaß für einen Moment alles andere.
Vier Tage später kehrte Anna mit ihrer neugeborenen Tochter nach Hause zurück. Lena wog 3340 Gramm und hatte einen hellen Flaum auf dem Kopf. Während der Autofahrt von der Klinik in die Tucholskystraße fragte Anna Thomas immer wieder, ob mit dem Kätzchen alles in Ordnung sei. „Ja, ja, alles bestens“, sagte er und wechselte die Spur, ohne weitere Details zu verraten.
Als er die Wohnungstür aufschloss, blieb Anna im Flur stehen und sah die kleine Überraschung. Auf einem gepolsterten Hocker direkt neben der Garderobe lag das dreifarbige Kätzchen – auf einem kuschlig weichen Fleece-Kissen. Ein Schälchen mit Wasser und eine Schale mit teurem Katzenfutter standen daneben. An der Wand klebte ein kleiner Zettel mit der Aufschrift: „Minka, unser Familienmitglied.“ Dahinter hatte Thomas einen Haken angebracht, an dem ein winziges Geschirr mit einer kleinen Glocke baumelte.
Minka hob den Kopf, miaute kurz, als wollte sie „Willkommen zu Hause“ sagen, sprang vom Hocker und spazierte würdevoll auf Anna zu. Anna lächelte unter Tränen und kauerte sich hin. Lena in ihrem Maxi-Cosi zappelte kurz, hielt dann still. Minka schnupperte an dem kleinen, in eine Decke gewickelten Wesen, hob den Schwanz und gab ein zufriedenes leises Gurren von sich.
„Ich war mit ihr beim besten Tierarzt der Stadt“, erklärte Thomas stolz. „Sie ist kerngesund, geimpft und entwurmt. Ich hab das allergrößte Katzenklo gekauft, das es gibt, und ein halbes Zoogeschäft leer geräumt. Sie schläft übrigens in unserer Wäschekommode, weil sie den Korb ignoriert hat.“ Er kratzte sich verlegen am Kopf. „Weißt du, als ich die ersten Nächte allein mit ihr hier saß, hat sie sich immer an die Wohnungstür gesetzt und gewartet. Als würde sie dich Schritt für Schritt erwarten. Und als Lena dann endlich da war, ist sie keinen Moment von ihrer Seite gewichen. Da hab ich langsam verstanden, dass das mehr ist als ein hübsches Fellknäuel.“
Anna lachte auf und spürte, wie sich ihr Brustkorb weitete, so leicht, als sei eine tonnenschwere Last von ihr genommen. Sie nahm Minka vorsichtig hoch und setzte sie auf ihren Schoß. Das Kätzchen rollte sich sofort zwischen Annas Arm und Lenas Köpfchen ein, so als ob es da schon immer hingehört hätte.
„Und was ist mit dem gestreiften Spielzeugfisch, den du ihr besorgt hast, Thomas?“, neckte Anna ihn sanft. Thomas fischte das Ding aus einer Tüte und baumelte es vor der kleinen Katze. Sie tapste danach, ohne auch nur die Augen richtig zu öffnen.
Später am Abend, als Anna Lena im Arm wiegte und Thomas auf dem Sofa saß und Minka mit zwei Fingern hinter den Ohren krabbelte, sah er zu seiner Frau auf. „Weißt du was? Du hattest recht. Dieses Kätzchen ist ein Schutzengel. Und sie soll pünktlich zu Lenas erstem Geburtstag einen eigenen, kleinen Katzenkorb bekommen, den ich selbst baue. Ganz wie Opa Kurt als Schreiner.“ Er hielt kurz inne. „Ich hab sogar schon Holz im Baumarkt gekauft. Kann nicht schaden, mal was Handfestes zu machen, oder?“
Anna schaute aus dem Fenster, hinter dem die Straßenlaterne gelblich flackerte. Die Stille zwischen ihnen war warm und lebendig. Schließlich sagte sie leise: „Ich hab im Krankenhaus viel nachgedacht. Opa Kurt hat Oma Helga zu sich gerufen – sie war bereit. Aber mich und Lena wollte er nie holen. Er hat mich in dem Traum nur gewarnt. Und dann hat er Minka geschickt, damit ich stehen bleibe. Damit wir beide leben.“ Thomas nickte langsam, drückte ihre Hand und wagte es nicht, dagegen zu argumentieren.
Minka streckte ihr Pfötchen aus und tippte sacht auf Lenas winzigen Handrücken, als wolle sie ihr sagen: Alles gut, ich pass auf dich auf.
