Das hässlichste Tier aus dem ganzen Wurf

Marlene hatte seit zwölf Jahren keine Milch mehr im Haus. Nicht weil sie keine mochte, sondern weil es sich nicht lohnte. Ein halber Liter wurde sauer, bevor sie ihn leerte. An diesem Morgen stand sie trotzdem um fünf in der Küche, kochte Haferflocken, ließ sie abkühlen, testete die Temperatur mit dem kleinen Finger wie damals bei ihrem Sohn vor dreißig Jahren. Sie wusste noch nicht, für wen.

Gestern Abend der Anruf von ihrem alten Nachbarn Henning, mit dem sie früher die Einfahrt geteilt hatten, bevor sie ins Stadtzentrum zog. „Marlene, du musst kommen. Die Gertrud vom Schrebergarten hat Welpen. Leonberger-Mischlinge. Einer ist komisch, den will keiner. Aber schau sie dir wenigstens an."

Sie war nicht in der Stimmung für Welpen. Sie war seit den Beerdigungen in keiner Stimmung mehr. Zuerst Thomas, ihr Mann, einfach eingeschlafen auf dem Sessel beim Tatort, Fernseher lief noch. Acht Monate später Lukas, der Einzige, den sie noch hatte, ein Lastwagen auf der Autobahn, Glatteis, die Strecke Leipzig–Nürnberg, die er jede Woche fuhr. Die Polizei klopfte um drei Uhr morgens. Seitdem schmeckte der Kaffee nicht mehr.

Trotzdem: Morgens Mantel angezogen, die gute Wollmütze, in die Straßenbahn gesetzt, hinaus zum Kleingartenverein im Osten der Stadt.

Gertrud stand am Tor mit einer Kippe im Mundwinkel, verwaschene Kittelschürze darüber. Es roch nach Hund, nassem Holz und Hühnerfutter. Im Zwinger lag die Mutterhündin, eine große, schwere Leonbergerdame mit müden Augen und hängenden Zitzen. Um sie herum kugelten sich sechs Welpen, dick, braun, mit schwarzen Masken und tapsigen Pfoten.

Der siebte saß nicht bei den anderen. Er hockte hinter einem umgestürzten Eimer, ganz hinten in der Ecke. Sein Fell stand in alle Richtungen, als hätte jemand einen alten Bademantel über einen Kleiderbügel gehängt. Ein Ohr war doppelt so groß wie das andere, hing schief herunter wie ein zerknitterter Waschlappen. Am Bauch eine kahle Stelle, rosa Haut schimmerte durch.

Sie nahm ihn mit nach Hause. Nicht den Kräftigen, nicht den mit dem schönen Gang. Den, der sich nicht traute, an den Napf zu gehen, wenn die Geschwister drängelten.

„Das ist ein Montagsmodell“, hatte Gertrud gesagt und die Zigarette ausgedrückt. „Aus dem wird nichts. Der bleibt klein und fiept die ganze Nacht. Nimm lieber den mit dem weißen Brustfleck."

„Den hier", sagte Marlene.

Gertrud zuckte die Achseln. „Deine Beerdigung."

Der Welpe wog nichts. Marlene trug ihn in ihrer alten Handtasche nach Hause, den Reißverschluss einen Spalt offen, eine nasse schwarze Nase steckte heraus und zitterte.

In der Wohnung setzte sie ihn auf den Flur. Er blieb sitzen, wo man ihn hinsetzte, machte sich klein, die Pfoten unter den Körper gezogen. Sie ging in die Küche, nahm einen Teller aus dem Schrank, den blauen mit dem Sprung, den sie seit Thomas nicht mehr benutzt hatte. Spülte ihn ab. Stellte ihn auf den Boden. Schüttete die lauwarmen Haferflocken hinein.

Der Welpe roch daran, leckte einmal, dann noch einmal, dann fraß er mit solcher Gier, dass der Teller über die Fliesen rutschte. Marlene setzte sich dazu auf den Küchenboden, den Rücken an den Kühlschrank gelehnt, und sah zu. Die Fußbodenheizung war seit November kaputt, sie spürte die Kälte durch den Stoff ihres Rocks.

Als der Teller leer war, torkelte der Welpe zu ihr herüber, kletterte auf ihren Schoß und schlief ein. Marlene wagte nicht, sich zu bewegen. Sie saß eine Stunde so, dann noch eine. Draußen wurde es dunkel. Die Straßenlampe vor dem Fenster ging an.

Paul, dachte sie. Nein. Das war zu nah an Lukas. Die Jungs hießen heute anders. Passt doch nicht.

Sie blickte auf das schiefe Ohr, das sich unter ihren Fingern weich anfühlte wie altes Velours.

„Bosco", sagte sie. Wie der Hund aus dem Film, den Lukas mit sieben immer sehen wollte, der Zeichentrick, in dem der schmächtige Hund die Wette gewann und alle überraschte.

Bosco hörte nicht auf den Namen. Nicht an diesem Abend. Aber das machte nichts. Zum ersten Mal seit Monaten sprach jemand in dieser Wohnung wieder einen Namen aus.

Die ersten vier Wochen schlief Marlene im Wohnzimmer auf der Couch, weil Bosco sich weigerte, allein im Flur zu bleiben. Er winselte nicht, bellte nicht – er saß einfach vor der Couch und zitterte, bis sie ihn hochhob. Also lag er nachts an ihren Füßen, eine Wärmflasche mit Herzschlag.

Er wuchs schief. Erst die Hinterläufe, die wurden zu lang, dann die Vorderläufe, die wollten nicht nachkommen. Er sah aus wie ein zusammengeschraubtes Regal, bei dem jemand die Anleitung verloren hatte. Die kahle Stelle am Bauch wurde größer, bevor sie wieder zuwuchs. Das krumme Ohr stand im Februar ab wie ein Fragezeichen.

Marlene merkte, dass sie wieder kochte, weil der Hund ja fressen musste. Sie kaufte Reis, Hühnerklein, Karotten. Sie stellte den Herd an, den sie monatelang nur als Ablage benutzt hatte. Sie ging wieder zum Bäcker, weil sie selbst ja auch frühstücken musste, wenn sie schon um sechs mit dem Welpen vor die Tür trat.

Die Nachbarn grüßten. Zuerst nur den Hund. Dann auch sie.

„Na, Frau Schöller, ist das Ihrer?"

Sie nickte, anfangs knapp, später mit etwas, das sich fast wie ein Lächeln anfühlte.

Im März kam die Wendung. Das linke Ohr, das schiefe, richtete sich auf. Über Nacht einfach so, als hätte ein unsichtbarer Chirurg einen Stich gemacht. Eine Woche später das rechte. Das Fell, das so strubbelig gewesen war, legte sich glatt, wurde dicht, ein tiefes Goldbraun, das im Sonnenlicht schimmerte. Die Beine fanden ihr Maß.

Bosco stand auf der Wiese am Kanal, hob den Kopf, die Ohren stellten sich auf, und Marlene sah ihn an und sah ihn nicht wieder.

Der Hund war schön. Nicht hübsch, nicht niedlich – einfach schön. Muskulös, edel, mit einem Gang, der aussah, als trüge er eine unsichtbare Krone. Spaziergänger blieben stehen. Autofahrer bremsten ab. Kinder fragten, ob sie ihn streicheln dürften.

„Was ist das für eine Rasse?“, fragte eine Frau mit Designerbrille und Laufschuhen, die dreihundert Euro gekostet haben mussten.

„Ein Leonberger. Mit Makel."

„Ich sehe keinen Makel."

Marlene lächelte und lief weiter.

Im April kam der Anruf. Marlene saß am Küchentisch, vor ihr eine Tasse Kaffee, die seit drei Jahren wieder schmeckte. Bosco lag unter dem Tisch, den Kopf auf ihren Füßen.

Es klingelte. Sie hob ab.

„Schöller?"

„Ja?"

„Hier ist Gertrud. Aus dem Schrebergarten. Der Wurf vom letzten Herbst."

Marlene hielt die Tasse fester. „Ja?"

„Ich hab gehört, der Kleine ist was geworden. Also, was man so hört. Die Leute reden."

„Er ist groß geworden", sagte Marlene.

„Ich will ihn zurück."

Die Tasse blieb in der Luft stehen. Marlene sagte nichts.

„Ich hab ihn Ihnen damals unter Vorbehalt gegeben", sagte Gertrud. „Ist doch klar, dass ich den besten Rüden aus dem Wurf nicht einfach verschenke. Ich hab das schriftlich. Sie haben nichts unterschrieben. Rechtlich gesehen gehört der Hund mir."

„Rechtlich gesehen", wiederholte Marlene.

„Genau. Ich komme morgen früh. Halb zehn. Machen Sie keine Umstände."

Klick.

Marlene legte das Telefon auf den Tisch. Bosco hob den Kopf, legte ihn schief, das Ohr, das nie ganz perfekt sitzen würde, hing leicht nach vorn.

Sie saß bis zum Einbruch der Dunkelheit in der Küche. Dann stand sie auf, fütterte den Hund, bürstete sein Fell, setzte sich daneben auf den Boden und lehnte die Stirn an seine Flanke. Das Herz schlug ruhig unter dem dicken Fell, regelmäßig, wie ein Metronom.

Dann griff sie zum Telefon.

Punkt halb zehn klingelte es an der Tür. Marlene öffnete. Vor ihr stand Gertrud, diesmal ohne Zigarette, dafür mit einem Klemmbrett und einem fremden jungen Mann in Arbeitshose, der nervös von einem Fuß auf den anderen trat.

„Das ist Ralf, mein Neffe", sagte Gertrud. „Er trägt den Hund zum Wagen. Wo ist er?"

„In der Küche."

Gertrud drängelte sich an Marlene vorbei. „Hund, hierher!", rief sie in den Flur. „Komm zu Frauchen!"

Nichts.

„Hund!"

Ein leises Knurren. Tief, vibrierend, kein Drohen, aber eine Warnung. Gertrud blieb stehen.

„Nehmen Sie ihn einfach", sagte Gertrud zu Ralf. „Der tut nichts. Pack ihn am Halsband."

Ralf machte einen Schritt in die Küche, blieb stehen. Dann noch einen.

Bosco stand auf. Langsam, in voller Größe, den Kopf erhoben, die Ohren gespitzt. Er knurrte nicht mehr. Er sah Ralf nur an. Ralf war einsneunzig groß, aber in diesem Moment schrumpfte er um zehn Zentimeter.

„Ich glaube, der will nicht", sagte Ralf.

„Quatsch. Nimm ihn einfach."

Ralf streckte die Hand aus. Bosco senkte nicht den Kopf, wedelte nicht mit dem Schwanz. Er stand wie eine Statue und atmete ruhig.

„Tante, der Hund ist größer als ich dachte."

„Feigling."

Marlene trat aus dem Schatten des Flurs. In der Hand hielt sie ihr Telefon, das Display leuchtete.

„Ich habe heute Nacht die Tierärztin angerufen. Doktor Kuhnert. Sie wissen schon, die aus der Kantstraße mit der Praxis für Großtiere." Marlene sprach leise, aber jedes Wort saß. „Sie hat mir den Impfpass zugeschickt. Wissen Sie noch, Frau Brüning, wann Sie das letzte Mal mit ihm beim Tierarzt waren?"

Gertruds Gesicht wurde starr.

„Nie", sagte Marlene. „Die Grundimmunisierung fehlt. Keine Tollwut, keine Staupe, nichts. Ich habe alles nachgeholt, bezahlt, dokumentiert. Mit Datum und Rechnung."

„Das beweist gar nichts."

„Außerdem das hier." Marlene hielt ihr den Bildschirm vors Gesicht. „Das ist der Mikrochip, den ich habe setzen lassen. Registriert bei TASSO auf meinen Namen. Vermisstenmeldung aufgegeben, bevor ich hier eingezogen bin. Falls mir jemand den Hund wegnimmt."

Auf dem Bildschirm war ein Formular zu sehen. Registriernummer, Hundenummer, Adresse. Schwarz auf weiß.

„Sie können mich verklagen", sagte Marlene. „Dann sehen wir uns vor Gericht. Ich habe nichts zu verlieren außer ihm. Und ich verspreche Ihnen, wenn Sie jetzt nicht durch diese Tür gehen, rufe ich die Polizei und zeige Sie an. Wegen Tierquälerei. Ich habe die Fotos vom Zwinger, als ich ihn geholt habe. Kein Wasser, kein Platz, die Kälte im November. Wollen Sie das vor Gericht erklären?"

Gertruds Kiefer mahlte. Sie starrte auf den Bildschirm, dann auf Marlene, dann auf Bosco. Bosco hatte sich nicht bewegt.

„Das ist Erpressung."

„Nein. Das ist mein Hund."

Ralf zupfte seine Tante am Ärmel. „Lass uns gehen."

Gertrud riss sich los. Sie funkelte Marlene an, aber die Augen flackerten. Eine Angestellte, die gemerkt hat, dass der Chef die Kontoauszüge kennt.

„Sie werden schon sehen", zischte sie.

„Das habe ich bereits", sagte Marlene.

Sie gingen. Die Tür fiel ins Schloss.

Marlene stand im Flur, den Rücken an der Wand, die Knie weich. Das Telefon glitt aus ihrer Hand, schlug auf dem Parkett auf. Bosco kam zu ihr, stupste ihre Hand mit der kalten Nase an. Sie setzte sich auf den Boden, diesmal ohne darauf zu achten, ob er sauber war, und vergrub das Gesicht in seinem Fell.

„Gut gemacht", flüsterte sie. „Gut gemacht, mein Großer."

Am Nachmittag kam Henning vorbei. Er brachte Streuselkuchen vom Bäcker und eine Flasche Sekt. Sie saßen in der Küche, deren Fußbodenheizung letzten Monat endlich repariert worden war, Bosco lag quer unter dem Tisch, sein Schwanz klopfte gegen die Stuhlbeine, und Marlene erzählte. Alles. Den Anruf, die durchwachte Nacht, der Auftritt am Morgen. Henning lachte, bis ihm die Tränen kamen.

„Du hast sie mit ihrem eigenen Neffen ausgetrickst. Das ist besser als jeder Tatort."

„Er wusste es nicht", sagte Marlene. „Der Junge wollte nur einen Kasten Bier dafür."

„Und der Impfpass?"

„Alles wahr. Der Hund hatte nichts. Keinen einzigen Eintrag."

Henning schüttelte den Kopf. Dann griff er in seine Tasche und legte ein zusammengefaltetes Blatt Papier auf den Tisch. Eine Kopie.

„Was ist das?"

„Der Wurfvertrag von damals. Ich hab ihn gestern Abend noch im Schuppen gefunden. Gertrud hat jedem von uns so einen Zettel gegeben. Liest du mal das Kleingedruckte."

Marlene faltete das Papier auseinander. Überlas die Zeilen, überlas sie noch einmal. Dann blieb sie an einem Satz hängen.

Paragraph 4: Die Übergabe des Tieres erfolgt mit Abschluss dieses Vertrages endgültig und unentgeltlich. Der neue Halter erwirbt sämtliche Rechte am Tier.

„Endgültig", sagte Marlene. „Das hat sie selbst unterschrieben."

Sie hob das Glas. Der Sekt prickelte ihr in der Nase. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, das vertraute Geräusch von Stahl auf Schienen, und in der Küche roch es nach frischem Kaffee und Hundefell.

Am Abend ging sie mit Bosco die große Runde. Vorbei am Kanal, wo das Wasser schwarz und blank unter den Brückenbögen lag, durch die Schrebergärten, in denen die ersten Grillen zirpten, zurück durch den Park. Sie setzte sich auf eine Bank, die letzte Bank vor dem Haus, die mit dem Blick auf die Platanenallee.

Bosco sprang neben sie, legte den Kopf auf ihren Schoß, seufzte tief und zufrieden, wie Hunde es tun, wenn sie ihren Job gemacht haben.

Ein kleiner Junge kam mit seinem Vater die Allee herunter. Er blieb stehen, zeigte mit dem Finger.

„Papa, guck mal, der ist aber schön!"

Der Vater lächelte, tippte an seine Mütze. „Guten Abend. Darf mein Sohn mal?"

Marlene nickte. Der Junge kam näher, streckte vorsichtig die Hand aus. Bosco hob den Kopf, beschnupperte die Finger des Jungen und leckte einmal darüber.

„Der ist ja richtig warm", sagte der Junge.

„Ja", sagte Marlene. „Das ist er."

Sie blieb noch eine Weile sitzen, als der Junge und sein Vater längst weitergegangen waren. Üben ihr begannen die ersten Sterne zu blinken. Auf ihrem Schoß lag der Kopf eines Hundes, den niemand mehr hässlich nannte.

Und sie dachte: _Ja. Besser als jeder Tatort._

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Odissea
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